Samstag, 26. Januar
Die auf zwei getrennten Ebenen untergebrachte Doppelausstellung zum amerikanischen Comic rief unterschiedliche Reaktionen hervor. Carsten Laqua, erfahrener Händler von Comic-Originalen, hielt die Exponate bis auf wenige Ausnahmen für recht mittelmäßiges Material, wobei er wohl deren Wert im Blick hatte und nicht ein Urteil zum ausstellerischen Konzept abgeben wollte. Die untere Ebene bot, in der Architektur angelehnt an die Ausstellung des letzten Jahres zum europäischen Comic, eine Übersicht zur nordamerikanischen Independent-Generation. Dabei unterschied man in sieben Sparten, u.a. die "Mainstream Generation" um Kurt Busiek, Neil Gaiman, Jill Thompson, die "Generation der Chronisten" um Keith Knight, Jessica Abel, Alison Bechdel, die "Generation der Erzähler" um Stan Sakai, Jeff Smith, Chris Ware, die "Do-it-yourself Generation" um Tom Hart, John Porcellino, Dylan Horrocks. Neben bekannten Namen reihten sich also viele, deren Arbeiten es erst noch zu entdecken gilt. Der neugierige Besucher wird sich einige der Namen notiert, der mehr an bekannten Größen interessierte Ausstellungsgänger wird zum Beispiel bei den "Sandman"-Originalen eine kleine Andacht gehalten haben. Auch im amerikanischen Comic gibt es Vielfalt, die sich aus einer Menge selbstbewußter, unabhängiger Comicautoren nährt. Verdienst der Ausstellung ist, in ein Sammelsurium von Independent-Comics eine Ordnung durch eine Gruppierung jeweils um für eine der sieben Sparten besonders auffällige Autoren herum versucht zu haben.
Am Beginn der Ausstellung wird der Gast vom Nachbau eines nordamerikanischen Comicladens empfangen, um - laut Presseinformation - die Unterschiede zum europäischen Comicladen erkennbar werden zu lassen. Erstaunlich, dass in den Comicbookstores lauter englischsprachige Comics verkauft werden und aufblasbare Bones an der Kasse stehen? Eigentlich erkannte man nichts, was deutlich anders war als in einem Comicladen in Osnabrück.
Nach dem Aufstieg zur ersten Etage und zur Ausstellung der Meister des amerikanischen Comics umfing einen Finsternis. Im Halbdunkel starrten Besucher auf die Werke alter Comicschaffender. Dass die Seiten zum Yellow Kid von Richard F. Outcault lediglich Faksimiles waren, blieb zum Glück die Ausnahme, denn schließlich lockt und fesselt den Museumsgänger der Reiz des Originals. Die in mehrere "Hallen" gegliederte Ausstellung lieferte kaum neue Erkenntnisse, sondern spulte die allbekannten Namen von Outcault, Herriman, Kirby, Eisner bis Foster und Crumb ab. Die Charente Libre schreibt, dass die Ausstellung einem Neueinsteiger konfus erscheinen mag, einem Comicfan jedoch Begeisterndes enthüllen könne.
Er freue sich über den Preis so, als wäre er selbst dessen Gewinner, erklärte Benoït Peeters der umstehenden Menge in Vertretung seines Freundes François Schuiten vom Rathausbalkon aus. Statt wie in den vergangenen Jahren am Abend wurde diesmal der Preisträger des Großen Preises der Stadt Angoulême bereits um 13 Uhr ausgerufen. So konnte der völlig überraschte belgische Gewinner in Brüssel schnell in den nächsten TGV springen, um noch am gleichen Tag gegen 20 Uhr in Angoulême einzurollen. Auch bei Casterman, seinem Verlag, war man von dieser Wahl offenbar vorher nicht informiert, jedoch glücklich, François Schuiten am Folgetag den Messebesuchern am Stand zeigen zu können und sich über seinen Erfolg zu freuen. Die Jury des Grand Prix, bestehend aus den ehemaligen Preisträgern, war bei der Preisbekanntgabe anwesend und wurde dem Publikum durch Martin Veyron namentlich vorgestellt. Nicht anwesende Jurymitglieder (z.B. Robert Crumb) hatten wie immer kein Wahlrecht. Hinsichtlich der Menge an Publikum brachte die vom Abend auf die Mittagszeit vorgezogene Proklamation des Siegers nichts, es fanden sich etwa gleich viele Personen wie in den Vorjahren ein, aber das Fernsehen und die Fotografen begrüßten die mittags besseren Lichtverhältnisse sicherlich, auch wenn dadurch leider etwas an feierlicher Atmosphäre verloren ging.
An der Abstimmung über den Sieger des diesjährigen Grand Prix beteiligten sich: Vuillemin, Veyron, Lauzier, Juillard, Mézières, Mandryka, Fred, Giraud, Druillet, Boucq, Pétillon, Cestac, Brétecher, Goossens und Margerin.
Ganze Schulklassen drängten in die Ausstellung zu "Peter Pan", der von Régis Loisel gezeichneten Bearbeitung dieser Erzählung. An Originalen und erklärenden Schautafeln zur Entstehung der Comics und zur Arbeitsweise Loisels war in einem urigen Ambiente so vieles zusammengetragen worden, dass der Besucher einen guten Eindruck über das Werden und den Inhalt aller fünf bisher erschienenen Alben bekam. (In Deutsch ist der letzte Band erst in Kürze bei Ehapa erhältlich.)
Auf dem Place Saint-Martial hatte die Sportzeitung L'Équipe zusammen mit dem Olympiamuseum Lausanne und dem FIBD in einem großen Zelt eine stattliche Anzahl von Beispielen zusammengetragen, wie sich verschiedene Sportarten im Comic darstellen, vom Fußball, Motorsport, Tennis bis zum Boxen. Da fehlte es weder an den Ballkünsten von Gaston, an einem rasanten Radrennen mit Fantasio, noch an den perfekt gelenkten Boliden des Michel Vaillant.
Im Theater Angoulêmes stellte man in drei Etagen dank der Unterstützung von den Centres E. Leclerc etwa 80 neue Comicautoren aus, um den Tendenzen im zeitgemäßen Comic auf die Spur zu kommen. Darunter befanden sich auch "Tango de la mort" von Ulf K. und Arbeiten von Nicolas Mahler und Markus Huber. Zu dieser Ausstellung liegt ein Katalog unter dem Titel "Traits contemporains! - Nouvelles tendances de la bande dessinée internationale" vor.
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