Sonntag, 29. Januar
Statt am Samstag setzte sich die Jury des Grand Prix der Stadt am Sonntag zusammen, um den Preisträger zu finden. Man einigte sich auf Lewis Trondheim und krönte damit nach Zep 2004 nun wieder einen jüngeren Comicautoren. Trondheim nutzte die Gelegenheit, der versammelten Presse gleich kräftig einen einzuschenken. Am Montag nach seiner Wahl fragte er, ob er missliebige Journalisten aus der Pressekonferenz herausschmeißen dürfe. Auf die Frage eines Radioreporters, was es ausmache, zum Grand Prix gewählt worden zu sein, antwortete er, er habe keine Lust diese Frage zu beantworten, er möchte gute Fragen gestellt bekommen. Er hasse Journalisten generell und insbesondere am heutigen Tage. Immerhin ließ sich dem grantigen Künstler noch entlocken, dass ihn die Nachricht über seinen Grand Prix auf dem Nachhauseweg nach Montpellier erreicht habe. In Bordeaux sei er umgekehrt. Er sei drauf und dran gewesen, Angoulême nächstes Jahr zu boykottieren. Der Kommerz und der allmächtige Einfluss eines Michel-Édouard Leclerc auf das Festival seien ihm mehr als zuwider.
Michel-Édouard Leclerc ist Chef der Supermarktkette "E.Leclerc" und sponsert das Angoulêmer Comic-Festival zu großen Teilen. Er ist stellvertretender Vorsitzender des FIBD, des Trägervereins des Festivals, stiftete den Comicnachwuchs-Preis "Décoincer la bulle" und richtet im Rahmen des Leclerc-Forums an allen Tagen des Festivals eine Reihe an Podiumsveranstaltungen aus. Trondheim kreidet dem Unternehmer laut Actua BD an, dass er mit seinen Supermärkten durch den Verkauf von Comics zu gesenkten Preisen die kleinen Comicläden zum Schließen zwinge und damit der Comicszene einen irreparablen Schaden zufüge. Trondheim setzt sich für eine konsequente Buchpreisbindung ein, um die Comicläden zu schützen. Diese seien die Verbündeten gerade auch der Independent-Verlage. Der Niedergang der Comicläden würde auch den Untergang vieler kleiner Verlage bedeuten. Trondheim arbeitet selbst für einen solchen Independent-Verlag, dem Verlag L'Association.
"Ich werde saubermachen", kündigt Lewis Trondheim an. Sein Amt als Präsident möchte er nutzen, um unter Autoren, Verlegern und Journalisten aufzuklaren. Um schlechte Zeichner von der Festivalteilnahme auszuschließen, werde es demnächst eine Prüfung ihrer Fertigkeiten geben. Schlechte Szenaristen würden durch ein Diktat aussortiert werden, und ein Test ihrer Allgemeinbildung steht den Verlegern bevor, die zum Festival kommen möchten. Trondheim verlangt freien Eintritt für alle (für ein Festival-Tagesticket zahlte man dieses Jahr im Vorverkauf 8 Euro; an der Tageskasse kostete es 9,50 Euro). Auch die Vergabe der Angoulêmer Preise werde man völlig umkrempeln: Es soll einen Preis für das beste Zeichner-Texter-Gespann mit dem Namen "Carrefour" geben (d.i. Kreuzung; eine Anspielung auf eine Supermarktkette gleichen Namens). Der Preis für den besten Öko-Comic solle nicht mehr Tournesol sondern "Auchan" lauten (eine Supermarktkette, die sich für Umweltprojekte engagiert) und der Preis für die Großen des Comics soll "Mammouth" genannt werden (noch eine Supermarktkette).
Lewis Trondheim ist 42 Jahre alt und hat bereits um die hundert Comicalben veröffentlicht.

Zwar war schon am Donnerstag, dem 26. Januar, in der Charente Libre zu lesen gewesen, dass der Festivaldirektor Jean-Marc Thévenet und der neue Festivalpräsident Dominique Bréchoteau wohl nicht gemeinsam in Urlaub fahren würden, aber nach einem folgenreichen Zerwürfnis klang das noch nicht. Doch einige Tage nach dem Festival, am 15. Februar, schickte Bréchoteau seinem Direktor die Kündigung aus "scherwiegendem Grund". Man munkelte sogleich in der Szene, dass dieser Grund das zusätzliche Engagement Thévenets bei einem Kunstfestival in Le Havre und einem Comicfestival in Puteaux in der Nähe von Paris sein könnte. Solche "Nebenbeschäftigungen" hätten mit dem Angoulêmer Arbeitgeber womöglich vorher abgesprochen werden müssen.
Vor die Tür gesetzt: Während des Festivals gab der Festivaldirektor Jean-Marc Thévenet (links) im Messezelt noch Interviews, die nicht erkennen ließen, dass seine Zeit in Angoulême sehr bald abgelaufen sein könnte.
Als Direktor des Angoulêmer Festivals erhalte Thévenet monatlich 6.000 Euro, für seine Tätigkeit in Le Havre kassiere er monatlich 10.000 Euro, schreibt Didier Pasamonik bei Actua BD. Pasamonik stützt sich dabei auf Veröffentlichungen der lokalen Presse. Ein Spielbankbetrieb namens Partouche in Le Havre versuche mit Hilfe von Thévenet ein Festival zur zeitgenössischen Kunst zu etablieren. Im Juni 2006 solle es erstmalig stattfinden. In einem Interview mit der Sud Ouest am 28. Januar gibt Jean-Marc Thévenet seine Beteiligung an diesem Projekt zu, er sei dafür jedoch nur beratend tätig. Angestellt bei Partouche sei nicht er, sondern seine Frau. Er arbeite nur punktuell mit, was ihm durch Honorare entgolten werde. Das sei im Bereich der Kulturfestivals nichts Ungewöhnliches, der Direktor der Mailänder Scala habe beispielsweise sogar acht derartige Aufgaben übernommen. Der Direktor des Festivals in Le Havre sei nicht Thévenet, sondern der Kanadier Claude Gosselin.
Das Festival in Le Havre habe ein Budget von 800.000 Euro, erklärte Thévenet. Wenn dem so ist, dann wird man wohl kaum einem Berater 10.000 Euro pro Monat an Honorar überweisen. Noch bleiben viele Fragen offen, die sich im Umfeld von Thévenets Rausschmiss ergeben. Hat er gegen angebliche Exklusivklauseln in seinem Vertrag verstoßen? Stimmt es, dass er Mittel des Angoulêmer Comicfestivals auch für seine Nebentätigkeiten benutzt hat? Hat er Teile seines Hauses in Bois-Colombes dem Festival als Büroräume untervermietet und inwieweit durfte es das nicht? Es sieht so aus, als werden nun die Gerichte die schmutzige Wäsche waschen müssen. Für den 51-jährigen Thévenet legt sich die 76-jährige Ex-Ministerin Monique Pelletier als Anwältin ins Zeug, die in einem Interview mit der Sud Ouest am 11. März zu erkennen gibt, dass ihr Klient in Le Havre nur einen Vertrag für ein Jahr habe, weswegen die Auseinandersetzung um seine Kündigung für seine berufliche Zukunft sehr bedeutsam sei. Einen eigenen Vertrag mit dem Trägerverein des Festivals (FIBD) habe Jean-Marc Thévenet in all den Jahren gar nicht erhalten, könne also auch gegen keine Klausel eines solchen verstoßen haben. Pelletier versteht die Kündigung als Putsch gegen Thévenet durch ehemalige Mitarbeiter.
Bürgermeister Philippe Mottet zeigte sich nach Bekanntwerden der Kündigung des Festivaldirektors etwas angefressen. Er habe nicht gewusst, dass dieses Thema auf der Tagesordnung der FIBD gestanden habe und sei von diesem Schritt überrascht worden. Nun ruft er dazu auf, sich der Zukunft des Festivals zuzuwenden. Für 2007 berief man als Interimslösung ein Triumvirat an die Schalthebel: Franck Bondoux wird für das Marketing sorgen, Benoît Mouchart für die künstlerischen Belange und Jean-Luc Bittard für die technischen Erfordernisse.
Unruhe in der Führungsriege des Angoulêmer Comicfestivals gab es zuletzt im Oktober 2005 als Yves Poinot plötzlich von seinem Amt als Präsident des FIBD zurücktrat. Über die Gründe wird gerätselt. Bis zur Neuwahl eines Präsidenten im Juni 2006 leitet Dominique Bréchoteau die Geschicke des Festivals. Dem FIBD gehören laut Pressemappe zudem Philippe Mottet als Ehrenpräsident, Michel-Édouard Leclerc und Éric Gavoty als Vizepräsidenten, Patrick Ausou als Schatzmeister, Michel Cavaillé als Schriftführer und Martine Faury als Beisitzerin an. Es heißt bei Le Monde, die am 22. Februar über die Kündigung berichtet, dass der FIBD neun Mitglieder habe. Die Charente Libre rechnet in einem Artikel von 22. Februar dem FIBD nur acht Mitglieder zu, von denen vier die Kündigung Thévenets beschlossen hätten (Bréchoteau, Cavaillé, Boune, Ausou), die anderen vier seien zur betreffenden Sitzung nicht gekommen! Die Vertreterin des Rathauses, Martine Faury, habe Vollmacht erteilt, der Vertreter des Conseil Général, Frank Bonnet, und der Vertreter der Sparkasse, Éric Gavoty, seien nicht erschienen. Die Kündigung mag also formal korrekt herbeigeführt worden sein, Mehrheit ist Mehrheit, aber der Bürgermeister Philippe Mottet bedauert öffentlich, dass eine solch weitreichende Entscheidung nicht durch das Einvernehmen aller herbeigeführt worden sei. Auf der Tagesordnung jener Sitzung habe nur »bilan et perspective de la 33e édition« (d.i. Bilanz und Perspektive des 33. Festivals) gestanden, schreibt Stéphane Vacchiani in der Charente Libre, was wahrlich nicht ahnen lässt, dass man den Direktor feuern möchte. Louis Délas, Chef beim Verlag Casterman und Vorsitzender der Comicverlage im französischen Verlegerverband SNE, regt sich laut Le Monde über diese Heimlichtuerei auf, da sie dem Festival schaden könne. Er fragt, was der FIBD mit der Kündigung denn letztlich erreichen wolle.
Erstaunlich, dass das größte westliche Comicfestival von einer Art Kleingartenverein ausgerichtet wird.

Der leichte Schneefall brachte auch die Festivalkasse etwas ins Rutschen. Man schätzt, dass am Wochenende etwa 40.000 zahlende Gäste durch das Winterwetter abgehalten wurden, nach Angoulême zu kommen. Der Bürgermeister Philippe Mottet gab schon am Schlusstag des Festivals zu erkennen, dass die Stadt ein etwaiges Defizit ausgleichen werde. Die Sud-Ouest meldete am 7. März, dass man einen Verlust in der Größenodnung von 50.000 Euro gemacht habe.
Das Budget des Festivals liegt bei gut 2 Millionen Euro. Hinzu kommen gut 800.000 Euro, die die Stadt an geldwerten Leistungen beisteuert, indem sie Personal und Technik bereit stellt. Das Budget besteht zu einem Drittel aus Eintrittsgeldern und Standmieten. Ein weiteres Drittel stellen die Sponsoren zur Verfügung, zu denen dieses Jahr neu Pentel (Stifte) und Canson (Papiere) hinzukamen. Das dritte Drittel bringen öffentliche Kassen von Staat, Stadt und Region auf.
Aus etwa vierzig Ländern sind dieses Jahr um die 8.000 Professionelle zum Angoulêmer Comic-Festival gekommen, darunter größere Delegationen aus China und Korea. 900 Pressevertreter aus etwa zwanzig Ländern ließen sich zum Festival akkreditieren. Die Internetseiten des Festivals lasen im Mittel 8.000 Besucher täglich. Neben den Tageszeitungen und der Fachpresse sorgen die Sender RTL, France 2, France 5 und die Bahnhofszeitung 20 Minutes als Media-Partner, dass das größte westliche Comicfestival auch als solches wahrgenommen wird.

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