Rede auf Bernd Pfarr / SONDERMANN
(gehalten anlässlich der Sondermann-Preisverleihung im Comiczentrum der Frankfurter Buchmesse am 22.10.2005)
Wir alle kennen Hinz und Kunz und ihre griechischen Verwandten, Kreti und Pleti, wir kennen Lieschen Müller und ihren Verlobten, Otto Normalverbraucher, und wir wissen, wie es bei Hempels unterm Sofa aussieht. Wir kennen natürlich Frau Erika Mustermann und wir lieben Herrn Sondermann, der auch in dieser Siedlung wohnt und der, soviel ich weiß, keinen Vornamen hat. Ich denke, er heißt vielleicht Ferdinand, wie sein großer Kollege im Amt, Fernando Pessoa, oder Robert, wie Walser, oder Franz, wie Kafka – lauter sonderbare Herren aus dem Büro des Lebens.
Wie all diese ist Sondermann Angestellter, trägt mit Vorliebe grau und immer – auch morgens zuhause beim Rasieren vor dem – nein, nicht vor dem Spiegel, sondern vor dem Bild mit dem Hundehäufchen drauf, das er sich anstelle des Spiegels über sein Waschbecken gehängt hat, um nicht immer durch seinen eigenen Anblick so deprimiert zu werden, er trägt also auch beim Rasieren des morgens seinen Hut. Er hat eine Aktentasche und versucht, in einer absurden Welt bei sich selbst zu bleiben. Er ist ein freundlicher, ein sanfter Mensch. Er ist still, er wohnt gern und ausgiebig, und er würde niemals, wie etwa Herr Dr. Stegenwallner, mutwillig Naßräume zerstören und sein Glück, sagte Alex Rühle einmal, ist ein „eher stilles. Er ist nicht der jubelnde Rumfuchtler, sondern freut sich eher inwendig.“
Herr Sondermann kämpft gelassen und tapfer an gegen die Tücken des Alltags und des Chefs. Er ist ein zutiefst ordentlicher Mensch, den es in eine unordentliche Welt verschlagen hat. Wenn er sich langweilt, umwickelt er gern Schuhschränkchen mit doppellagigem Toilettenpapier, das ist dann aber schon fast ein Exzess, und daß er Siggi Schofel, der doch Walfischtran so haßte, ausgerechnet mit dem Walfischtranzerstäuber besprühte, war einfach nur ein furchtbares Versehen. Sondermann ist niemals mutwillig.
Wir, die wir ihn gekannt und so sehr geliebt haben, wir ahnen es nun alle: Bernd Pfarr war Sondermann. Wenn auch ohne Hut. Ich weiß von keiner Naßzelle, die er mutwillig zerstört hat, obwohl er in den vielen Krankenzimmern, in denen er lag, allen Grund dazu gehabt hätte. Und wie Sondermann im Treibsand seines neuen Sofas, so ist Bernd Pfarr irgendwann im Treibsand endloser Krankenhausbetten einfach verschwunden.
Von Krebskranken sagt man ja immer, daß sie tapfer gegen ihre Krankheit ankämpfen. Was wäre das für eine Tapferkeit und gegen wen, man hat doch gar keine Chance gegen eine solchen Gegner. Man kann nur abwarten, wie weit er es treibt, und bis dahin kann man Ratschläge, Operationen, Therapien annehmen oder ablehnen. Und man kann heulen, schreien, wehklagen, zetern, verzweifeln oder sich besaufen, man kann verdrängen und versuchen, zu vergessen, sich arrangieren, dulden, beten, man kann aber auch einfach weitermachen und sich tot arbeiten und lächeln wie Sondermann und Pfarr und sagen: „Wie’s mir geht? Ach, wie langweilig. Hör mal das hier, guck mal da, weißt du, was ich gestern gelesen habe?“
Niemand ist so selbstverständlich mit seiner Krankheit umgegangen wie Bernd Pfarr, auch noch, als er schon sehr nah am Tod war. Er hat weitergelesen, gelächelt, gemalt, die Realität einfach nicht zugelassen, bis zuletzt. „Am liebsten würde ich der ganzen Welt die Realität austreiben,“ hat Bernd Pfarr einmal gesagt. (Sondermann hat es übrigens getan und unliebsame Telefone einfach verschluckt.) Bernd Pfarr war so unerklärlich wunderbar wie Sondermann. Ein besonderer Mann eben. Er hat ja genau an den Stellen zu zeichnen angefangen und seine wahnwitzig skurrilen Texte zu schreiben, wo die Welt, wo das sogenannte Normale aus den Fugen geht. Eben sonderbar wird. Und seine eigene Welt, sein kurzes Leben war durch die Krankheit mehr als gründlich schon vor Jahren aus den Fugen gegangen. Das hält man nur aus, wenn man es nicht so ernst nimmt und mit Shakespeare und Verdis Falstaff sagt: ist doch alles irgendwie auch ein Witz, tutto nel mondo è burla, die ganze Welt ist Komödie. Und die Magie wohnt im Kleinen. Sie wohnt in seltsam gemusterten Tischtüchern und schwarzen Löchern in Kopfkissen, in denen – Kenner erinnern sich – Sondermanns Zehnerkarten fürs Wellenbad und die Kellerschlüssel einfach verschwinden.
Wenn wir die Bilder ansehen, die Pfarr zum Thema GOTT gemalt hat, dann ahnen wir zum erstenmal wirklich: ja, Gott schuf den Menschen nach seinem Bilde. Sondermann ist ein ganz naher Verwandter von Gott. Auch Sondermann würde nie etwas Böses tun, aber sich durchaus bei der Firma Dynamit-Müller mit genügend Utensilien für den Weltuntergang versorgen. So ist die Welt nun mal, letztlich ist das Schönste, was Gott je geschaffen hat, ein perfektes kleines Mäuerchen, das er denn auch oft staunend betrachtet. Auch Sondermann schätzt die Ordnung im Kleinen. Seinen Büroschrank hat er perfekt geordnet:
- Schublade: Kontoauszüge
- Schublade: Überweisungsformulare
- Schublade: Rechnungsvordrucke
- Schublade: Schleimige Reptilieneingeweide.
Ja, so muß man es machen, alles schön dahin, wo es hingehört. Auch das Schleimige hat seinen festen Platz.
Pfarr ist Maler und Dichter zugleich. In seinen kurzen Texten liegt viel poetische Absurdität oder absurde Poesie. Seine Helden haben unsägliche Namen. Ich erinnere an die betrügerische Briefträgerin in der Toskana, Frau Santabellavistamaggiore. Und an Herrn Fölsing, der die neuen Schuhe, wenn er sie anzieht, im Karton läßt, um sie zu schonen. An Herrn Borsig, der mir ein Vorbild ist: als es gar nicht mehr weitergeht, kauft er sich Bauklötzchen, um noch einmal ganz von vorn anzufangen. Bravo. Oder erinnern Sie sich bitte an Lothar: Ein Mann starrt auf eine wild gemusterte Tischdecke, Text: „Durch die Anwendung der bei Frau Dr. Grebenkorn-Siehl erworbenen Kenntnisse transzendentaler Meditationstechniken versuchte Lothar, die häßlichen Muster und Farben auf seiner Tischdecke zur vollständigen Auflösung zu bringen.“
Das hätte statt Lothar auch Sondermann tun können. Das hat Bernd Pfarr getan, in seinem mit Bildern und Büchern vollgestopften Krankenzimmer: er hat die Krankheit durch transzendentale Weisheit zur vollständigen Auflösung gebracht. Wenn man mit ihm redete über Bücher, Bilder, Filme, wenn man Witze erzählte und Kuchen aß, dann war die Krankheit nicht da, und wenn sie noch so sehr in seinem Gesicht geschrieben stand und noch so sehr an seinem immer mehr versagenden Körper abzulesen war. Als ich ihn das letzte Mal sah, malte er ein Todesbild – den bewaffneten, grimmigen blauen Mann vor dem eisernen Tor, ein Titelbild zum Roman „Der Marques de Bolibar“ von Leo Perutz. Er hatte sich den Pinsel an die bewegungsunfähige Hand geklebt, er war schwach, aber vergnügt. „Das ist langweilig,“ wischte er Fragen nach seinem Befinden weg, „sag mal, hast du denn jetzt endlich die Strudelhofstiege von Heimoto von Doderer gelesen?“
Hab ich, Bernd. Dem dicken und wunderbar menschlichen, komischen Roman, dem deine Figuren glatt entsprungen sein könnten, ist ein kleines Gedicht von Doderer auf eben diese Strudelhofstiege, diese Hintertreppe in Wien vorangestellt. Es lautet:
Wenn die Blätter auf den Stufen liegen,
herbstlich atmet aus den alten Stiegen,
was vor Zeiten über sie gegangen.
Mond, darin sich zweie dicht umfangen
hielten, leichte Schuh und schwere Tritte,
die bemooste Vase in der Mitte
überdauert Jahre zwischen Kriegen.
Viel ist hingesunken uns zur Trauer,
und das Schöne zeigt die kleinste Dauer.
Doch, es gibt Schönes, das Dauer zeigt: Wie gut, daß wir Bernd Pfarrs Bilder haben, wenn es kälter wird. Wie gut, daß Sondermann uns lehrt, freundlich zu bleiben. Eines von Bernds Bildern zeigt den Tod als Sensenmann, der eine Reklametafel trägt: „Kommt der Schnitter, wird es bitter. Lieber vorher zu Dr. Höfner, Metzstr.6“
Leider leider hat Dr. Höfner nicht mehr helfen können. Es ist bitter geworden. Und wir erinnern uns an Dr. Elsner und den Text zu dem Bild, auf dem der müde Doktor beim fahlen Schein der Laterne übers stille Kopfsteinpflaster geht. Es ist der Text, der in Bernd Pfarrs Todesanzeige stand. Er lautet:
„Im Morgengrauen nach der Nachtschicht hatte Dr. Elsner für die großen Fragen der Menschheit – Woher kommen wir? Wohin gehen wir? Was wollen wir? – alle Antworten: Er kam von der Intensivstation, ging nach Hause und wollte nur noch schlafen.“
Bernd, der Maler, der Philosoph, der Freund, fehlt schmerzlich, ist nicht zu ersetzen, der Kummer um ihn wird nie heilen. Aber Sondermann ist da und ermahnt uns leise lächelnd, weiterzumachen, freundlich zu bleiben und unerträgliche Nächte einfach mit lautem Posaunenspiel zu überstehen. In diesem Sinne, retten wir den Sondermann in uns allen. Vor die Hunde gehen wir sowieso.
Ich danke Ihnen
Elke Heidenreich, Oktober 2005
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