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Laudationes
Kürzel der Autoren: TA - Titus Arnu, LuG - Lutz Göllner, HaHa - Harald Havas, HH - Herbert Heinzelmann, pela - Petra Lakner
Bester internationaler Comic-Strip oder Cartoon-Serie
"Baby Blues" (Rick Kirkman)
Wozu Superhelden-Comics, Mystery-Serien und Thriller? "Baby Blues" von Rick Kirkman & Jerry Scott bietet alles auf einmal. Die wahren Monster gehen einem gerade bis zur Hüfte und heißen Susi oder Timmi. Die wahren Superhelden sind die Eltern von Kleinkindern. Und eine Mystery-Serie ist das Leben einer Familie mit solchen Terror-Zwergen sowieso: Jeden Tag rätseln die Eltern, wie sie diese Mini-Tornados überstehen, die sie mehr oder weniger gezielt in die Welt gesetzt haben.
Die wahren Herausforderungen des Lebens haben aber auch eine komische Seite, die Kirkman und Scott pointiert in ihren klassisch angelegten Strips nachzeichnen. "Baby Blues" gilt in den USA zu Recht schon als Klassiker, in Deutschland sind bereits fünf Bände erschienen.
Warum also Krimis lesen? Der wahre Horror sieht so aus: "Die ganze Spüle steht voll mit schmutzigem Geschirr, das Essen muss gemacht werden, es muss geputzt und gewaschen werden, zwei Kinder wollen unterhalten werden!" Ein Held wie Paul aus "Baby Blues" reagiert in so einer prekären Situation äußerst souverän - er geht in die Garage und klimpert mit Schrauben herum. (TA)
"Zits" (Jerry Scott/Jim Borgman)
In einer Zeit, in der immer weniger neue Zeitungs-Strip-Serien das Licht der Druckerpresse erblicken, ist "Zits" von Jerry Scott und Jim Borgman ein echter Lichtblick. Optisch in einem sympathischen Semi-Funny-Stil gehalten, der in seinen besten, verspieltesten Momenten an Bill Wattersons "Calvin und Hobbes" gemahnt, bietet "Zits" (auf Deutsch "Pickel") auch inhaltlich einiges. Abgesehen von der vordergründigen Handlung über die Nöte eines pubertierenden Jugendlichen, Jeremy, in seiner schlimmsten Phase, zerrissen zwischen Selbstzweifel und Selbstüberschätzung, bieten gerade auch die Nebenhandlungen sowie sorgfältig charakterisierte Nebenfiguren einiges an tiefen, psychologischen Einblicken. Da wären etwa die Eltern Jeremys, brave US-Mittvierziger, gezeichnet von Midlifecrisis einerseits und Erinnerungen an die glorreichen Tage der Flower-Power-Bewegung andererseits, dann der beste Freund des Helden, ein typischer Vertreter der zweiten Generation hispanischer Amerikaner, die Mädels an der Schule etc. Des Weiteren mischen sich auch immer wieder (gesellschafts-) politische und Fragen der Geschlechterdifferenzen in den bunten Strauß an Gags. Kurz alles, was man von einem wirklich guten US-Zeitungs-Strip zu erwarten gewohnt ist. (HaHa)
Bester deutschsprachiger Comic-Strip oder Cartoon-Serie
"Touché" (©TOM)
Jeden Wochentag ein Comicstrip, das ist ein Ausstoß, den in Deutschland nur wenige Zeichner schaffen. Thomas Körner, der seine Strips stets mit ŠTom signiert, war der erste, der dieses Kunststück vormachte. Seit Dezember 1991 erscheinen seine Touché-Strips exklusiv und täglich auf der Wahrheits-Seite der "Tageszeitung". Heute drucken drei weitere Zeitungen seine Touchés täglich nach, in zahllosen anderen Zeitschriften und Magazinen ist er Dauergast. Die ersten 2.000 Strips sind in zwei ziegelsteindicken Bänden gesammelt, daneben gibt es jedes Jahr ŠTom-Hefte und Bücher. Bis heute hat Touché - anders als andere Comicstrips - keine feste Hauptfigur, sondern ständig wechselndes Personal, das laufend erweitert wird. Körners Humor lässt sich wohl am besten mit einem recht altmodischen Wort beschreiben: Er ist warmherzig. Nie denunziert er sein mitten im prallen Leben stehendes Bestiarium, nie lacht man über die Personen, sondern immer mit ihnen. Stolz ist ŠTom gleichermaßen darauf, in seiner Jugend auf dem ersten Platz in der Badischen Leichtathletik-Bestenliste gestanden zu haben, der schnellste fahradfahrende Comiczeichner von Söd-Berlin zu sein und in einem Buch über Caravaggio abgedruckt worden zu sein. Und gleichwohl: Spricht man ihn auf seine Vorreiterrolle in der deutschen Comicszene an, wiegelt er bescheiden ab: "Man müsste eher die Redakteure dafür loben, daß sie solch ein Experiment gewagt haben." (LuG)
"Flaschko" (Nicolas Mahler)
Nicolas Mahler, einer der aktivsten österreichischen Comic-Zeichner mit einer Vielzahl von Veröffentlichungen von Comics und Cartoons in Zeitungen, Magazinen und eigenen Büchern, legt mit "Flaschko" einen absurd-minimalistischen Gag-Strip der etwas anderen Art vor. Die Handlung ist leicht erzählt: Flaschko lebt bei seiner Mutter, eingehüllt in eine Heizdecke. Punkt. Daß es Mahler gelingt, daraus eine amüsante und variantenreiche Handlung über Dutzende Strips hinweg zu schaffen, ist seine große Kunst. Darüber hinaus fällt der Strip auch in seiner optischen Gestaltung angenehm aus dem üblichen Rahmen. Wer sich davon selber überzeugen mag: "Flaschko" erscheint wöchentlich als Online-Strip auf http://comics.orf.at. (HaHa)
"Abgründe " (Martin Perscheid)
Frage: Welches ist der erfolgreichste deutsche Zeitungs-Strip? ŠToms "Touché"? Ralf Ruthes "Computerwelt"? Oder gar die "Ottifanten"? Alles Quatsch! Der erfolgreichste deutsche Zeichner heißt Martin Perscheid, seine Cartoonserie nennt sich "Abgründe" und wird in mehr als 50 Zeitungen und Zeitschriften regelmäßig veröffentlicht. Dazu kommen Nachdrucke im deutschsprachigen Ausland und in Skandinavien. Sein Cartoon "Wenn Deppen duschen" dürfte inzwischen in unzähligen deutschen Badezimmern hängen. Vier Bücher liegen bereits vor und sind absolute Bestseller.
Seinen Erfolg kann Perscheid leicht erklären, denn anders als seine Kollegen ist der gelernte Grafiker kein Einzelkämpfer, der sich mühsam durch das Dickicht des Pressedschungels geschlagen hat. Er ist seit 1994, dem Beginn seiner Kariere, beim Bulls-Pressedienst unter Vertrag. "Wenn ich mich um alles selber kümmern würde, käme ich gar nicht mehr zum Zeichnen", begründet der 33-Jährige seine Entscheidung, "so bekomme ich jeden Monat eine detaillierte Abrechnung und einen Scheck und bin zufrieden." Wöchentlich produziert Perscheid fünf Cartoons, auch wenn er sich selber als "leider nicht besonders disziplinierten Arbeiter" bezeichnet: "Ich schieb' den Abgabetermin immer vor mir her."
Der oft gezogene Vergleich mit Gary Larson ist Perscheid gar nicht so recht: "Da musst du nur einen Witz mit Bären machen und schon heißt es "Gary Larson". Der kam eigentlich viel zu spät, um mich noch zu beeinflussen, er hat aber mit seiner "Far Side" für die fast vergessene Kunst des Cartoonzeichnens den Weg geebnet." Als frühe Einflüsse verweist er auf einen Loriot-Band, der bei seinen Eltern im Bücherschrank stand und auf den Argentinier Mordillo. Passt eigentlich, denn Loriot und Mordillo waren zugleich diejenigen, die bereits vor 30 Jahren ihre Cartoons hierzulande professionell vermarktet haben. (LuG)
Bester deutschsprachiger Comic-Künstler
OL
Wenn Rattelschneck "die große alte Dame der deutschen Nachkriegskarikatur" ist, dann dürfte OL wohl eher der uneheliche Schwippschwager sein. Auf alle Fälle gehört der sympatische Paul-Weller-Doppelgänger, neben ŠTom und Fil, zum ungekrönten Dreigestirn der Berliner Comic- und Cartoon-Szene. Und von allen hat OL den bösesten Humor: Seine letzte Ausstellung trug den beziehungsreichen Titel "Selbstbesorger", seine Sujets sind Currywurstbuden und Verdauungsstörungen, Kindersegen und Arztbesuche, einer der "Helden" seiner Strips ist "Jürgen, der Trinker", dessen wichtigste Lebenserkenntnis lautet: "Eh ich Depressionen krieg, bleib ich lieber gleich den ganzen Tag im Bett und denk über mein Leben nach." Nicht gerade einfacher Stoff, den OL den Lesern der Berliner Zeitung seit drei Jahren jeden Samstag zumutet. Denn anders als der ungleich erfolgreichere Werner verklärt OL die "fiesen Dumpfbacken" seiner Strips nicht zu Helden des Anti-Establishments, sondern zeigt sie als genau die Soziopathen, die sie sind. OL, der Interviews inzwischen hasst, lebt mit einer wunderbaren Frau, die von ihm ständig diskriminiert wird, und einer reizenden Tochter manchmal in Süd-England, manchmal am Prenzlauer Berg. (LuG)
Atak
Schon immer fühlte sich der Illustrator Atak, der unter anderem viel beachtete Strecken für das "Zeit"-Magazin gemacht hat, vom Comic angezogen, bisher jedoch mit sehr unterschiedlichem Erfolg. Sein Zeichenstil aus byzantinischen Verzierungen, seine Experimentierfreudigkeit mit Farben und Tuschen, standen dem an Regeln gebundenen Medium Comic immer feindlich gegenüber. Mit seiner unregelmäßig erscheinenden Heftserie "Wondertüte" unterwirft sich Atak nun erstmals den erzählerischen Regeln des Genres, und es funktioniert: Wer jemals in einer deutschen Großstadt beim Weg zum Bäcker den allmorgendlichen Hundescheißehindernislauf hinter sich gebracht hat, der wird Ataks beißenden Spott verstehen, mit dem er alle ehrlichen Hundehasser der Welt hinter sich hat. Dabei bleibt die Story von Anselm und seinem kleinen Welpen, der in Wirklichkeit der Teufel ist, geheimnisvoll genug, um immer noch spannend zu bleiben, gleichzeitig kann Atak sich jedoch in den Traum- und Kampfsequenzen austoben und seinem surrealistischen Künstleraffen Zucker geben. (LuG)
Martin tom Dieck
Die Reduktion, die Skizze, die Abstraktion: In einer Zeit, in der erfolgreiche Comics mit vollen Farben und voluminösen Formen protzen, geht Martin tom Dieck den widerständigen Weg. Nach zwei Schwarzweiß-Büchern über labyrinthische Welten und verspiegelte Wirklichkeiten ("Der unschuldige Passagier" und "Hundert Ansichten der Speicherstadt") greift er in seiner neuen Arbeit mit dem Titel "Flüchtige Fragmente" die Farbe auf und lässt dabei grafische Wurzeln und bildnerische Anreger in den bissig karikierenden Zeitkommentatoren aus der Stilrichtung der Neuen Sachlichkeit in den 20er Jahren entdecken. Martin tom Dieck, Oldenburger von Herkunft, Wahlhamburger, mit nordischer Melancholie ausgestattet, hat im Umfeld grafischer Normierungen eine ganz eigenständige Erzählhaltung entwickelt, die dem Leser keine Botschaften aufdrückt, sondern Interpretations-Richtungen andeutet und mit der präzisen Setzung des Strichs stille Reflektionen über Schatten und Licht anstellt. (HH)
Isabel Kreitz
Die 1967 in Hamburg geborene Isabel Kreitz gilt als Hoffnungsträgerin des deutschsprachigen Comic. Nach einem Studium an der Hamburger FH für Gestaltung und der New Yorker Parson School veröffentlichte sie 1994 eine Sammlung witziger Strips um eine Imbissbude ("Heiß und fettig", Achterbahn). Mit der Trilogie "Schlechte Laune", "Ralf lebt" und "Totenstill" (Zwerchfell) folgte ein Porträt des Schicksals eines S-Bahn-Surfers. Die präzise wiedergegebenen Impressionen qualifizierten die Zeichnerin als Chronistin der Hamburger Jugendszene. Daß sie sich auch auf anderem Terrain sicher bewegt, bewies sie mit den Alben "Ohne Peilung", "Waffenhändler" und, nach der Romanvorlage von Uwe Timm, "Die Entdeckung der Currywurst" (Carlsen). Allen ihren Comics ist der Schauplatz Hamburg und die Konzentration auf gesellschaftliche und politische Dimensionen - realistische Themen also - gemeinsam.
Die Atmosphäre der Stadt fängt Isabel Kreitz ebenso präzise ein wie die Stimmung unter bestimmten Gruppen von Jugendlichen und Erwachsenen. Das ist zum einen ihrem markanten Strich zu verdanken, der vor allem der Mimik der Figuren eine besondere Ausdruckskraft verleiht. Gleichzeitig ist Isabel Kreitz eine hervorragende Erzählerin, die es versteht, Charaktere und Handlungen konsequent aufzubauen. Ihr Gefühl für Sprache - für die geschriebene wie die alltägliche - lässt sie ausgesprochen lebendige und glaubwürdige Dialoge verfassen. Begreift man Literatur als bewusst kontrollierte Vermittlung menschlicher Belange, so ist Isabel Kreitz eine grafische Erzählerin im wahrsten Sinne des Wortes. (pela)
Peter Puck
Der 1960 im schwäbischen Heidenheim geborene Peter Puck studierte Literatur und Empirische Kulturwissenschaften und verfiel 1985 dem Comic, als er seine genial respektlose Erfindung "Rudi" im Stadtmagazin "Stuttgart live" (später "Lift") unterbringen konnte. Seitdem ist Peter Pucks Name untrennbar mit "Rudi" verbunden. Anfangs nur im Stuttgarter Raum bekannt, erlangte Rudi schon bald bundesweite Popularität. In mittlerweile fünf Alben tobt der snobistische Underdog mit seinem Freund Freddy durch den Szene-Alltag und verbreitet satirische Breitseiten gegen alles und jeden und bekommt dabei oft selbst mächtig was auf die Nase. Obwohl die karikierte Szene schwäbisch ist, wird Peter Pucks zynischer Humor von Flensburg bis München verstanden und genüsslich goutiert. Denn seine Figuren verkörpern eindimensionale Typen, die wir alle kennen und die Satire geradezu herausfordern. Allein Rudi fällt unter keine Kategorie. Er treibt sich in jeder Szene herum, ist aber mit keiner zu identifizieren, und das prädestiniert ihn zu kommentieren, zu maulen, zu meckern und nölen, was das Zeug hält. Beziehungsweise, was die Sprechblasen hergeben und das Auge des Betrachters gerade noch bewältigen kann. Denn auch dafür ist "Rudi" berühmt und berüchtigt: In keinem anderen Comic wurde jemals so viel Dialogtext gesichtet. Daß das alles auch nach 15 Jahren noch lustig ist, liegt daran, daß Peter Puck sich konsequent auf seine Stärke, das Karikieren von bestimmten Typen konzentriert, dabei aber das Personal im Laufe der Zeit den Wandlungen in Gesellschaft und Subkultur anpasste. Die Sozialsatire wird zur griffigen Unterhaltung, da sie zu jeder Zeit den sprichwörtlichen Nerv trifft. (pela)
Beste deutschsprachige Comic-Publikation - Eigenproduktion
"Schläfenlappenphantasien" (Uli Oesterle), Zwerchfell
Das Album "Schläfenlappenphantasien" versammelt fünf grafische Kurzgeschichten, die alle an der Grenze zum Wahnsinn angesiedelt sind. Es sind radikale Schwarzweiß-Erzählungen, Einsichten in verwüstete Seelen und verheerte Gesichter. Ein Lachen wird man nirgends finden, und wenn, dann ist es zynisch gemeint. Der Münchner Uli Oesterle blickt betroffen in eine düstere Welt voller morbider, manchmal symbolischer, meist ganz realistischer Figuren. Er zeichnet Freaks. Aber er zeichnet diese Freaks so schutzlos, daß sie im Leser Empathie auslösen. Wie jenes Baby in der Psychiatrie, dessen Ausbruchs-Geschichte wohl nicht mehr ist als eine Schläfenlappenphantasie. Doch in Oesterles Short Storys sind sogar die Träume kastriert. Dieses Buch bäumt sich heftig auf, gegen einen Comic-Mainstream, dessen vorrangiges Ziel "Fun" zu sein scheint. Ein Gegen-Comic, nicht in jeder Gemütsverfassung zur Lektüre empfohlen. (HH)
"Viriconium" (Dieter Jüdt), comicplus+ contura
Ein Meta-Comic. Denn hier geht es um die Malerei, um die Kunst der Abbildung, die im Bildnis erhält, was in der Realität durch Krankheit und Verschwinden bedroht ist. für sein Album "Viriconium" hat Dieter Jüdt den utopischen Roman "Die Götter der Pastell-Stadt" von M. John Harrison zur Vorlage genommen. Er taucht die Geschichte von der geteilten Stadt, in der die Seuche wütet, in morbide Farbtöne, die nur selten kräftig erglühen. Die Figuration ist vom deutschen expressionistischen Stummfilm inspiriert. Expressiv sind Linienführung und Wahl der Perspektiven. Apokalyptische Stadtlandschaften von Ludwig Meidner könnten Pate gestanden haben. "Viriconium" ist ein Album mit der Sogwirkung von Alpträumen. Als Sicherungsanker bleibt nur eine bemalte Leinwand. (HH)
"Kaktus" (Gerhard Schlegel/Elke Reinhart), Laska Comix
Mit "Kaktus" legt das rührige Zeichner-Herausgeber-Team Elke Reinhart und Gerhard Schlegel (Laska Comics) ihr bislang ausgereiftestes und gelungenstes Werk vor. Die Handlung des textlosen Humor-Comics ist nicht leicht zu beschreiben: ein mutierter Hauskaktus wird von Außerirdischen entführt und beginnt sodann einen ramboesken Kampf gegen die Aliens. Der zwischen EC-Horror-Comics, Jack Kirby und semi-funny schwankende, jedoch hervorragende Zeichenstil transportiert dabei die skurril-assoziative Handlung auf perfekte Weise. Auch die Edition des Bandes, seine äußere Erscheinung als Hochglanz-Softcover, setzt hierzulande Maßstäbe. "Kaktus" wird mittlerweile auch in den USA verkauft und ist damit das erste deutsche Comic-Heft überhaupt, das in Übersee vertrieben wird. Inzwischen sind auch schon der zweite Band und eine zweite Auflage des ersten gedruckt worden. (HaHa)
"Schmetterlinge im Bauch" (OL), Reprodukt
Schmetterlinge sind bunt. "Schmetterlinge im Bauch" von OL ist auch bunt (weitgehend). Das bringt eine neue Qualität in die Welt der berlinernden Strichmännchen mit ihren Hasenzähnen vor den übergroßen Rachen. Ganz zarte Aquarellierungen lösen die Punkte ab, die dieser Welt bisher Volumen gaben. Die Zartheit steht im Kontrast zum ins Absurde getriebenen Alltagsgeschehen, in dem die Sau nicht los, sondern "vor 'ner Stunde uff'm Damenclo" eingepennt ist. Einblatt-Witze an der Grenze zum Einsturz der Hirnschale paaren sich in diesem Band mit Strips aus der Welt der Trinker und Trüger. Die Lektüre verteilt alle Augen-Blicke Tiefschläge in die Bauchgrube. Kein Wunder, daß die Schmetterlinge dort flattern. (HH)
"Geteilter Traum" (Daniel Bosshart), Edition Moderne
Was für eine wunderbare, ganz und gar stille Geschichte! Eine Lebensgeschichte, eine Geschichte vom Altern, eine Geschichte vom Träumen. Es geht um Träume und Träumer, die sehr verschieden sind. Der eine träumt das Abenteuer, wenn er als Kind draußen im Wald spielt. Dem anderen wird das vermiedene Abenteuer zum Anlass, sich über die Phantasie in die künstlerische Sublimation zu träumen. Von zwei Jungen wird gehandelt, die mit ihren Träumen reifen. Sie haben eine erwachsene Bezugsperson. Wahrscheinlich erzählt der Schweizer Daniel Bosshart von einer Rumpffamilie. Ein Letztes muss man nicht wissen. "Geteilter Traum" bewahrt Geheimnisse. Das Buch ist in einem statischen, vom Jugendstil geprägten Realismus erzählt. Es gibt keine einzige Sprechblase, nur Zeichen innerhalb der Bilder. Es gibt immer wieder Gesichter, Hände, am Ende ein geteiltes Brot. Diese grafische Novelle öffnet sich für viele Assoziationen. Und - was man nicht häufig sagen kann - sie rührt den Leser an. (HH)
"Leicht beschädigte Tiere" (Nicolas Mahler), Edition Brunft
Nicolas Mahler, Wiener Zeichner mit schrägem Humor und kunstvollem grafischen Funny-Stil, bereichert seit Jahren mit seinen Cartoons und Comics eine Vielzahl von Publikationen im gesamten deutschsprachigen Raum. Außerdem bringt er zusammen mit Heinz Wolf seine (und dessen) Werke im rührigen Eigenverlag "edition brunft" heraus (www.edition-brunft.at). Zwei seiner Arbeiten wurden auch schon vom renommierten französischen Independent-Verlag "L'association" herausgegeben. Mahlers Arbeiten wurden im letzten Jahr mit zwei Auszeichnungen bedacht: mit dem ICOM-Independent-Comic-Preis und mit einem Preis für die besten Auto-Cartoons, vergeben durch den ÖAMTC (der österreichische ADAC). Nicolas Mahler wurde für seine Internet-Serie "Flaschko" in diesem Jahr auch in der Kategorie "Bester deutschsprachiger Comic-Strip" für den Max-und-Moritz-Preis nominiert (siehe dort).
In "leicht beschädigte Tiere", einem selbstpublizierten Taschenbuch, versammelt Nicolas Mahler eine Auswahl seiner Arbeiten für die Presse. Schräge Cartoons reihen sich hier Seite um Seite an verschrobene Strips, irgendwo zwischen Tex Rubinowitz und OL - immer jedoch eigen, immer jedoch typisch Mahler. Und gewähren so einen tiefen Einblick in das vielschichtige Werk des Wiener Zeichners. (HaHa)
Beste deutschsprachige Comic-Publikation - Import
"Der Aufschub" (Jean-Pierre Gibrat), Salleck Publications
Als Jean-Pierre Gibrat mit der Arbeit an "Der Aufschub" begann, war er bereits zwanzig Jahre im Geschäft und hatte hauptsächlich wenig spektakuläre Auftragsarbeiten wie die Erotik-Comics "Pinocchia" und "Verwandlungen" (deutsch bei Carlsen) gezeichnet. An seinem vierzigsten Geburtstag beschloss Gibrat, mit einem neuen Werk ganz anderer Art sein zeichnerisches und erzählerisches Potential endlich voll auszuschöpfen.
"Der Aufschub" beginnt im Jahr 1943 und erzählt die Geschichte des jungen Franzosen Julien Sarlat. Er ist vom Zug abgesprungen, der ihn in ein deutsches Arbeitslager bringen sollte. Kurz darauf wird der Zug bombardiert und entgleist. Julien findet Unterschlupf in einem leer stehenden Haus in seinem Heimatdorf, versorgt und moralisch unterstützt von seiner lebensklugen und warmherzigen Tante Angèle. Aus seinem Versteck heraus beobachtet Julien das Leben, das sich in einigen Metern Entfernung unerreichbar vor ihm abspielt. für tot erklärt, wird er sogar Zeuge seiner eigenen Beerdigung. Auch Cécile, in die er verliebt ist, kann Julien nur beobachten. Als diese eines Tages den Totgeglaubten doch aufspürt, beginnt eine zauberhafte Liebesgeschichte, die eine unerwartete Wendung nimmt. Die Dramatisierung politischer Entwicklungen und alltäglicher Befindlichkeiten rundet die Geschichte ab, die ruhig und unspektakulär und dabei äußerst spannend erzählt ist.
Feine karikaturistische überhöhungen und eine opulente, sehr sinnlich wirkende Aquarelltechnik verleihen den akribisch genau wiedergegebenen Situationen und Emotionen eine überzeugende Lebendigkeit. (pela)
"Kabuki" (David Mack), Infinity
"Was hat David Mack eigentlich im Sinn?", fragt erstaunt die große Comiclegende Jim Steranko in seinem Vorwort zu dem "Kabuki"-Band "Circle Of Blood" und wundert sich: "Wie kann jemand, der so jung ist, solch ein ausgereiftes Werk veröffentlichen?" François Truffaut war es, der behauptete, die besten Filme seien die, "deren Geschichte man nicht nacherzählen kann". Folgt man diesem Diktum, muss "Kabuki" ein Meisterwerk sein. George Orwells "1984", William Gibsons "Neuromancer", den "Blade Runner" und den "Paten", japanisches No-Theater, Shakespeares Königsdramen, Kurosawa-Filme, der Musashi-Mythos, Edvard Munch, "Alice im Wunderland", die Märchen der Gebrüder Grimm und die Action-Filme von John Woo. All dies vermischt Mack zu einer explosiven Geschichte, die voran getrieben wird von einer wunderbaren Grafik, die ihre Wurzeln in den zeichnerischen Experimenten eines Bill Sienkiewicz oder Dave McKean hat. Doch anders als diese Zeichner, die oft nur l'art pour l'art produziert haben, ist Mack mehr an seiner Geschichte und an der Sprache interessiert. Zwar arbeitet er mit Tempowechseln und filmischen Überblendungen, auf Effekthascherei jedoch kann er verzichten. Kunstvoll verknüpft Mack japanische Kalligrafie mit der westlichen Typografie, eine Mischung, die sich auch in seiner Sprache bemerkbar macht: Jede Gruppe in seiner Erzählung redet in einem eigenen künstlichen Slang. Zwischen Poesie und Prosa, der Darstellung äußerer Gewalt und innerer Reflexion liegt oft nur eine Seite. Kabuki ist das Werk eines jungen Genies, das aber nach dieser kreativen Explosion noch mehr zu sagen haben wird. (LuG)
"Approximate Continuum Comics" (Lewis Trondheim), Reprodukt
Lewis Trondheim legt eine Menge Selbstbewusstsein an den Tag - zu Recht. Die Werke des französischen Zeichners, der als Laurent Chabosy in Fontainebleau geboren wurde, gehören mit zum Besten, was derzeit auf dem internationalen Comicmarkt erhältlich ist. Deshalb ist es auch absolut vertretbar, daß sich der Künstler in jedem seiner Comics selbst in Szene setzt. Als Sonderling mit Vogelkopf tritt Lewis Trondheim in seinem Band "Approximate Continuum Comics" auf. Er hat zwar einen Schnabel und Federn auf dem Kopf, ähnelt aber sonst sehr seinem Schöpfer. Trondheims Held trägt einen Mantel mit Karomuster wie Trondheim selbst, er kämpft gegen Erschöpfungszustände und Fettringe am Bauch wie Trondheim selbst. "Approximate Continuum Comics" ist Trondheims autobiografischste Arbeit - und vielleicht auch seine bisher beste. (TA)
"Konstellationen" (Debbie Drechsler), Reprodukt
Der Fall von Debbie Drechsler, die in ihrer Kindheit mehrmals in der Woche vom eigenen Vater vergewaltigt wurde, ist wie aus dem Lehrbuch: Alle Schutz- und Schweigemechanismen, die solche Täter aufbauen, funktionierten reibungslos. Heute ist die Mittvierzigerin in den USA eine gefragte Magazinillustratorin mit Wohnsitz in Kalifornien. Ihre Kindheitserlebnisse verarbeitet sie in Comicgeschichten, die so gnadenlos sind, daß es einen fröstelt.
Gespenstisch sind weniger die Ereignisse, die Drechsler hier erzählt, als vielmehr die Art, wie sie sie erzählt. Der Täter wird nicht als Monster dargestellt, der die Liebe und Zuneigung eines unschuldigen Kindes ausbeutet. Der Mann mit der Halbglatze ist stets freundlich. Dennoch zerstört er die Kindheit seiner Tochter und achtet eifersüchtig darauf, daß sie keine sozialen Kontakte oder Freundschaften aufbaut. Es sind Machtspiele, die sich zwischen dem Kind und dem Erwachsenen abspielen, und selbst ein vorübergehender Sieg des Mädchens kehrt sich am Ende gegen sie. Trotz der sparsam gesetzten Worte lässt Drechsler keinen Zweifel daran, wie sehr sie gelitten hat. Sie hätte es sich auch leichter machen können und den Vater als jenes "Dreckschwein" zeigen, das er sicher ist, aber gerade weil sie dem Leser selbst die Auswertung der Ereignisse überlässt, sind die Geschichten so intensiv. Drechsler weiß anders als die selbsternannten Kinderschützer hierzulande, wovon sie spricht und diese Authentizität ist erdrückend. "Konstellationen" ist ein kaltes Buch, aber gerade diese äußere Kälte bewirkt beim Leser Emotionen. (LuG)
"Ghost World" (Daniel Clowes), Reprodukt
Enid und Rebecca sind noch mittendrin in der Bewältigung ihrer Kindheit. Sie haben ihre persönlichen Identitäten noch nicht gefunden, kämpfen noch mit dem Verlust der kindlichen Unschuld, und neben der Entdeckung des Sexus beschäftigen sie zwei Fragen: "Was soll ich mit meinem Leben anfangen?" und - viel wichtiger - "Was machen wir jetzt?". Das könnte furchtbar langweilig werden, wenn diese Geschichten nicht von einem wahren Meister erzählt werden würden. Ungefähr dreimal im Jahr erscheint Daniel Clowes' Antologie "Eightball" in Amerika, und jedes Heft ist gefüllt mit absurden kleinen Geschichten, mit genauen Beobachtungen der amerikanischen Alltagswelt.
So nämlich - als Short Story - begann auch "Ghost World" und bewegt sich deshalb langsam und episodisch voran. Erst im letzten Drittel werden die Fäden der Erzählung miteinander versponnen: Da ist Josh, schüchterner Freund der beiden Girls, der mit Enid schläft, um an Rebecca ranzukommen, da ist Enids liberaler Vater, der ihr zwar alle Freiheiten lässt, sie aber in eine ungeliebte College-Karriere drängt, und da sind die vielen Nebenfiguren, wie der Freak John, der Kellner Al und der Esoteriker Bob, die unter den beiden Mädchen leiden mössen. Denn richtig sympatisch - und darin liegt die große Kunst von Clowes - sind die beiden Nervensägen nicht. Sie sind keine Opfer, die von der bösen Welt zerbrochen werden. Vielmehr haben beide am traurigen Ausgang der Geschichte Mitschuld. Die Geisterwelt der beiden ist in doppelter Hinsicht eine: Da ist die Sehnsucht nach altem Spielzeug, alten Sachen, alten Songs, die Enid umtreibt. Und da sind die ohne Gefühle vor sich hin lebenden Erwachsenen - Geister allesamt. Aber die Entscheidungen, die man im Leben trifft, sind die eigenen. Manchmal kann man sie korrigieren, oft aber nicht. (LuG)
"Terminal City" (Dean Motter/Michael Lark), Edition Speed
Die Zeiten sind hart in Terminal City (TC). Nach der großen Weltausstellung 1984 hat anscheinend kein Einwohner in den Alltag zurückgefunden. Cosmo Quinn, einst als der weltberühmte Kletter-Maxe, die "Menschliche Fliege", gerühmt, arbeitet heute als Fensterputzer; Kid Gloves, der größte Schwergewichtsboxer aller Zeiten, ist jetzt Hausmeister in einem zweitklassigen Varieté; das Gelände der Weltausstellung, damals als architektonische Meisterleistung gefeiert, zerfällt. Aber: "Die Bestie regt sich wieder", wie die Dame in Rot, der geheimnisvollste Protagonist in TC, verschwörerisch feststellt.
Es ist eine merkwördige Welt, in die uns Dean Motter und Michael Lark entföhren: Die Wolkenkratzer in TC sind tatsächlich in den Himmel gewachsen, es gibt Gebäude, die von außen aussehen wie Jugendstilstatuen, das Hauptverkehrsmittel ist ein der Wuppertaler Schwebebahn nicht unähnlicher Monorail und am Himmel verkehren hauptsächlich Zeppeline, die an den höchsten Gebäuden der Stadt Ankerplätze haben. Kurz: TC ist so, wie sich Science-Fiction-Autoren der 30er Jahre die Zukunft vorgestellt haben. Die Story weckt Erinnerungen an die großen Metropolen-Romane der 20er Jahre, Döblins "Berlin Alexanderplatz" oder Kessels "Herrn Brechers Fiasko", aber auch an John Brunners SF-Meisterwerke "Morgenwelt" und "Schafe blicken auf". Michael Lark ist eine zeichnerische Überraschung, ist er doch einer jener wenigen US-Zeichner, die ganz offensichtlich von Hergé, E.P. Jacobs und der ligne claire beeinflusst wurden. Doch anders als Hergés europäische Erben, die dichter am großen Vorbild bleiben, benutzt Lark auch eigene Elemente, um die Geschichte voranzutreiben. (LuG)
Beste deutschsprachige Comic-Publikation - Sekundärliteratur
"Die deutschsprachige Comic-Fachpresse" (Eckart Sackmann), comicplus+
Eckart Sackmann, Comic-Journalist (RRAAH!), Herausgeber (comicplus+) und Sachbuchautor (u.a. über Mecki, Comic-Plattencover, Manfred Schmidt...) legt mit "Die deutsche Comic-Fachpresse" nunmehr einen umfangreichen Band über die deutschen Sekundärmedien der letzten Jahrzehnte vor. Dabei zeigt sich das Buch als angenehme Mischung aus wissenschaftlicher Arbeit, bibliographischer Aufzählung und anekdotenreicher Nacherzählung der Gründungen, wechselvollen Schicksale und (zumeist) frühen Enden der deutschen Comic-Fachmedien. Tatsächlich ist dieser sekundäre Blick auf sekundäre Medien gerade im Falle des deutschsprachigen Raumes mehr als berechtigt. Erschienen hier doch lange Zeit mehr Comic-Fachmagazine als Comic-Magazine, spielte sich doch hier die (auch öffentliche) Auseinandersetzung mit dem Medium meist mehr in der Berichterstattung als im tatsächlichen Produzieren und Konsumieren von Comics aller Art ab. Insofern ist "Die deutsche Comic-Fachpresse" nicht nur eine Untersuchung der besprochenen Publikationen, sondern auch ein einzigartiger Rückblick auf mehrerer Jahrzehnte deutsche Comic-Geschichte. (HaHa)
"Mutanten. Die deutschsprachige Comic-Avantgarde der 90er Jahre" (Hg. Christian Gasser), Hatje Cantz
"Mutanten" war der Titel der ersten umfassenden Ausstellungs-Retrospektive auf die deutsche Comic-Kunst in den 90er Jahren. Davon geblieben ist der von Christian Gasser herausgegebene Katalog: ein Kompendium dieser Kunst, ein eindrückliches Erinnerungswerk an die unerwartete Aufbruch-Phase der deutschsprachigen Zeichner-Avantgarde. Sie werden deswegen als "Mutanten" bezeichnet, weil sie der Gattung der Comic Strips in Deutschland mit einer neuen Verwandlung zum Ausbruch aus der Erstarrung in franko-belgischer Abenteuer- oder Funny-Tradition verholfen haben. Nach der Tabula-rasa-Situation des Mauerfalls ergriff eine Zeichner-Generation die Chance zu neuer, sehr autonomer Kreativität außerhalb bestehender Markt-Normierungen und klinkte sich damit in die internationale Aufbruch-Stimmung frischer, multimedialer Möglichkeiten der grafischen Erzählung ein. Der Katalog "Mutanten" dokumentiert diese Bewegung, ordnet sie historisch ein und ist überdies ein saftiger Reader mit Geschichten von dreizehn relevanten deutschsprachigen Comic-Künstlern. (HH)
"Film ist Comics" (Paolo Canepelle/Günter Krenn), Film Archiv Austria
Mit "Film ist Comics - Wahlverwandtschaften zweier Medien" präsentieren die beiden Autoren Paolo Canepelle und Günter Krenn eine bislang einzigartige Auseinandersetzung mit einem Teilaspekt der großen, weiten Comic-Welt. Versuchten viele deutschsprachige Sekundärwerke zum Thema Comic in der Vergangenheit ein möglichst großes Gebiet möglichst umfassend darzustellen, beschränken sich die beiden Autoren hier auf ein eingegrenztes, ja scheinbar nebensächliches Gebiet. Denn wer hier eine umfassende Auseinandersetzung mit allen Aspekten der Verwandtschaft zwischen Film und Comics erwartet, wird enttäuscht. Vielmehr beschränken sich die beiden Mitarbeiter des "Filmarchiv Austria" hier auf die vielfältigen Beziehungen zwischen der US-Schauspielerin Louise Brooks, der Comic-Serie "Dixie Dugan", dem filmischen wie Comic-Schaffen von Guido Crepax, sowie weiteren Verflechtungen etwa mit den Werken des Regisseurs G.W. Pabst und der Serie "Corto Maltese" von Hugo Pratt. In dieser Anthologie aus Berichten, Interviews und Originaldokumenten wird die starke gegenseitige Beeinflussung von Film und Comics exemplarisch dargestellt. So wurde die Schauspielerin Louise Brooks Modell für die Comic-Figuren "Valentina" und "Dixie Dugan", die beide in weiterer Folge selber (mit anderen Schauspielerinnen) verfilmt wurden... Ein faszinierendes Buch, das auch viel Raum für eigene Gedanken und assoziative Erkenntnisse läßt. (HaHa)
Reddition, Edition Alfons
1984 von drei Pinneberger Schülern gegründet, mauserte sich die Reddition innerhalb weniger Jahre zu einem der profiliertesten Fachmagazine im deutschsprachigen Raum. Das Konzept der Reddition zeichnet sich vor allem dadurch aus, den Comic nicht als schnellwechselnde Ware, sondern als langfristiges Kulturgut zu betrachten. Jedes der etwa halbjährlich erscheinenden Hefte konzentriert sich auf maximal drei Dossiers, die jeweils einem Thema (z.B. US-Comics, Science-Fiction, Kinderbücher), oder einem Autor (z.B. Hermann, Bilal, Spiegelman) gewidmet sind. Der Blick über die Grenzen auf Einflüsse aus benachbarten Medien wie Bildender Kunst, Film und Literatur fließt selbstverständlich in die Betrachtung ein. Genau recherchiert und fundiert analysiert erfolgt die Abhandlung des jeweiligen Themas in geradezu epischer Breite. Sorgfältig zusammengestellte Werkübersichten, die sich wohltuend von den öblichen Checklisten abheben, erfüllen bibliographische Funktionen. Auf diese Weise entstand im Laufe der Jahre ein umfangreiches Archiv an Sekundärliteratur. Weniger am Markt- als am Literaturgeschehen orientiert, liefert die Reddition monographische Themenhefte, die ebensogut als Buchreihe erscheinen könnten. (pela)
Beste deutschsprachige Comic-Publikation für Kinder und Jugendliche
"Pyrenea" (Philippe Sternis/Régis Loisel), Ehapa Comic Collection
Die Fabel vom Mädchen und vom Bären, die bei einem Feuer zusammen in die Pyrenäen geflüchtet sind. Fabeln haben immer Nutzanwendungen. Hier geht es um das Erwachsenwerden. Hier geht es darum, zu lernen, wie man Abschied nimmt, wie man los lässt. Und wie man es verkraftet, anders zu sein, als man gern möchte. Sogar das Thema des Sterbens wird gestreift. Régis Loisel und Philippe Sternis erzählen in "Pyrenea" ein Märchen, aus dem sich Lehren ganz unauffällig, ohne jedes Zeigefinger-Wedeln ergeben. Eine Geschichte, die, weil sie von Abschied handelt, schön melancholisch ist. Die Bilder hat Sternis mit Kreide weichgezeichnet und in grandiose Landschaftspanoramen und verwunschene Stimmungen geöffnet. Auch Erwachsene können an der Fabel lernen, wie möhsam der Weg aus der Wildnis in die Zivilisation ist. (HH)
"Pinky & Brain" (Walter Carzon/Jesse Leon McCann), Dino
In der Kategorie "Comics für Kinder und Jugendliche" tut sich die Max-und-Moritz-Jury oft schwer: Nominiert man nun einen Comic, den Kinder tatsächlich gut finden oder einen, von dem die Erwachsenen glauben, daß Kinder ihn gut finden sollten? Meistens entscheidet man sich salomonisch für einen Mittelweg. "Pinky & Brain" ist so ein Fall, bei dem Leuten, die Comic-Hefte immer noch für das Ende der Kultur halten, die Haare zu Berge stehen. Denn pädagogisch lehrreich oder gar sinnvoll ist hier wirklich nichts. Die ewiggleiche Handlung - zwei Labormäuse, die eine hochintelligent, die andere strohdoof, brechen jede Nacht aus ihrem Käfig aus und wollen mittels eines ungeheuer komplizierten Plans die Weltherrschaft an sich reißen - wird in allen möglichen Variationen (und davon gibt es mehr als man denkt) wiederholt. Und die Kids amüsieren sich beim Lesen "wie Bolle auf'm Milchwagen". Ein größeres Kompliment kann es eigentlich nicht geben.
Seit drei Jahren läuft die Zeichentrickserie "Der Pinky und der Brain" sorgsam versteckt im Frühprogramm am Sonntag bei "Pro 7", ein Sendeplatz, der dieser intelligenten, ironischen und geradezu postmodern-verspielten Spielberg-Produktion überhaupt nicht gerecht wird. Dennoch, die Kids gucken. Und der Sprachwitz der beiden "Deppen" wird herrlich auch in den Comics wiedergegeben, beim Lesen hat man förmlich die Originalstimmen vor Ohren. Und die Präsentation der Serie als Heft mit ständigem Gimmick-Cover ist eben nicht infantil, sondern kindgerecht! (LuG)
"Dragon Ball" (Akira Toriyama), Carlsen Verlag
"Dragon Ball" ist in vielfacher Hinsicht bemerkenswert. Zum einen ist dieser Manga weltweit eine der erfolgreichsten Comic-Serien überhaupt. Zum anderen verhalf nicht zuletzt "Dragon Ball" dem japanischen Comic auch in Deutschland zum entscheidenden Durchbruch - (mit originaler Leserichtung). Außerdem setzte die Serie, sowohl in ihrer Print- als auch in ihrer TV-Cartoon-Version, hierzulande neue Maßstäbe für Kinder und Jugendcomics - insbesondere was den lockereren Umgang der Japaner mit Nacktheit und erotischen (wenn auch oft pubertären) Anspielungen betrifft. Hier zeigt sich Son Goku, der Held der Serie, als naher Verwandter des "Kleinen Spirou".
Zeichnerisch interessant, inhaltlich oft unglaublich verrückt und ideenreich entführt Akira Toriyama den Leser in eine abenteuerliche Welt der superheldenartigen Kampfsportler, die so nebenbei auch mythische Aufgaben, wie das Sammeln der legendären "Sieben Dragonballs" zu lösen haben. Ein Set unverwechselbarer Charaktere und ein erfrischend anarchistischer Erzählstil machen "Dragonball" zu einem abwechslungsreichen Lesespaß für große wie kleine Leser. (HaHa)
"Der Wind in den Weiden" (Michel Plessix), Carlsen Verlag
"Der Wind in den Weiden" ist hierzulande vor allen Dingen als Zeichentrickfilm bekannt mit Vanessa Redgrave als Erzählerin. Bestenfalls kann man noch das Pink Floyd-Album "The Piper At The Gates Of Dawn" als Zitat aus dem Buch identifizieren. In Großbritannien dagegen ist der Band ein Kinderbuchklassiker, der seit seinem Erscheinen im Jahr 1908 immer wieder aufgelegt wird.
Der Autor Kenneth Grahame, der einer der leitenden Direktoren der Bank Of England war, erzählte die Fabel ursprünglich seinem Sohn als Gute-Nacht-Geschichte, später führte er sie in Briefform fort. Doch Grahame wollte mit seiner Erzählung wohl vor allen Dingen Zivilisationskritik leisten, und auch deshalb wurde es zu einem Kultbuch der Ökologie- und Hippiebewegung in den siebziger Jahren. Sein Maulwurf ist der konservative britische Bürger, der den Einbruch des 20. Jahrhunderts unwillig registriert. Dem gegenüber steht der Kröterich, der sich, begeistert von der neuen Technik, sogar auf den Bock eines Autos schwingt und damit durch den Wilden Wald brettert. Zwischen diesen beiden Antipoden tümmeln sich die Ratte und der Dachs, beides Organisationstalente der besonderen Art. Diese vier Hauptdarsteller bewegen sich wiederum in einem Koordinatenkreuz, das seinerseits durchtränkt vom "Zurück zur Natur"-Mythos ist: Gegen die Idylle am Fluss steht der Wilde Wald als Symbol für den täglichen Existenzkampf, das unbekannte Land jenseits davon ist jedoch nicht nur Sinnbild für die Bedrohung durch die neue Zeit, sondern auch für die Träume, Wünsche und Hoffnungen der Protagonisten. Im Tonfall resigniert formuliert Grahame die "Religiosität einer pantheistisch fundierten Naturmystik auch formal in Anlehnung an die Bibelsprache", weiß Klaus Doderers "Lexikon der Kinder- und Jugendliteratur."
Diese Sprache erspart der Comic von Michel Plessix, doch der Konservatismus findet sich auch hier wieder. Kein fieseliger Action-Stil, sondern groß angelegte Aquarelle, detailverliebte Zeichnungen, die an alte Kinderbuchillustrationen erinnern, bestimmen das Erscheinungsbild. Und Plessix läßt sich Zeit, viiiiel Zeit, um den Roman zu adaptieren. Geradezu kontemplativ kommt die Erzählung daher und entfaltet sich erst beim mehrmaligen Lesen zu ihrer ganzen Schönheit. Dabei gelingt es Plessix durchaus, die Balance zwischen Situationskomik und der Forderung nach Zivilisationsentsagung zu finden, die auch den Roman auszeichnet, ohne dem Leser ständig penetrant ökologisches Bewusstsein unter die Nase zu reiben. (LuG)
"Soda" (Bruno Gazzotti/Philippe Tome), Salleck Publications
Die Serie "Soda" wäre nach drei Bänden im Reiner-Feest-Verlag beinahe verschwunden. Jetzt wird sie bei Salleck Publications fortgesetzt. Und das ist gut so. Denn "Soda" ist ein actionhaltiger Semi-Funny, der Jugendliche nicht nur gut unterhalten kann, sondern der nebenbei - sehr leise - ein wenig Moral vermittelt. Im Zentrum steht der Priester Solomon, der eigentlich ein Bulle ist. Das darf er aber nie zeigen, weil seine Mutter andere Erwartungen an ihn hat. Der Texter Philippe Tome erzählt von den Spannungen zwischen Erwartungen und Erwartungsenttäuschungen in einer kriminellen Welt. Der Zeichner Bruno Gazzotti setzt die Szenarien in eine stark filmisch orientierte Montage um, die jedoch durch ihren karikierenden Duktus ironische Distanz ermöglicht. (HH)
"Oh! My Goddess" (Kosuke Fujishima), Feest Comics
Alles beginnt mit einer falschen Telefonnummer. Statt beim Pizzaservice landet der etwas unbeholfene Student Keiichi beim Technischen Göttinnen-Hilfsdienst. Dort fragt man höflich nach seinen Wünschen, und bevor sich Keiichi versieht, schneit ihm die bildschöne Belldandy ins Haus. Die Göttin mit Visitenkarte verfügt zwar nur über begrenzte Kräfte, aber Keiichis Wunsch, sie möge für immer bei ihm bleiben, erfüllt sie schneller, als ihm lieb ist. Damit nehmen allerlei Schwierigkeiten ihren Lauf, die dadurch, daß Belldandy auch noch zwei Schwestern hat, nicht gemildert werden. Rasante Action und schnelle Schnitte sind Charakteristika fast aller Mangas. In dieser Hinsicht bildet "Oh! My Goddess" keine Ausnahme. Doch hier kommt noch etwas anderes hinzu. Eine feine Ironie durchzieht die Geschichte und verleiht ihr komödiantischen Charme. Dieser ist schon im Titel festzustellen. "Oh! My Goddess" ist eine Verballhornung des Ausrufs "Oh, my goodness!", der eigentlich "Oh, my God!" bedeutet. Es ist alles nicht so furchtbar ernst gemeint, und es darf durchaus auch mal herzlich gelacht werden. Alle Figuren, auch die bezaubernde Belldandy, haben so ihre Schwächen. Dadurch ergibt sich eine Leichtigkeit, zu der die detailverliebten, filigranen Zeichnungen sehr gut passen. "Oh! My Goddess" erschien in Japan zum ersten Mal im Magazin Afternoon und ist im Original inzwischen auf 18 Bände angewachsen. (pela)
Bester internationaler Szenarist
Alan Moore
Kein Zweifel: Er ist der Meister! Egal was Alan Moore anfässt, es wird zu Gold in seinen Händen. Das begann schon vor 20 Jahren, als er aus der mittelmäßigen Gruselserie "Swamp Thing" den ersten Mainstream-Comic machte, den auch anspruchvollere Leser lesen konnten. Höhepunkt und gleichzeitig Endpunkt dieser Entwicklung war dann 1986 "Watchmen", vielleicht der beste Superhelden-Comic, der jemals geschrieben wurde. Was folgte, schien zunächst Verzettelung: Der Intellektuellen-Porno "Lost Girls" und die Jack the Ripper-Moritat "From Hell" begannen ihr Dasein in obskuren Independent-Anthologien. Wer konnte bei den ersten Kapiteln schon ahnen, daß aus "From Hell" einmal das opus magnum des "rauschebärtigen" Engländers werden sollte, ein Comic-Roman, so komplex und vielschichtig, daß er elf Jahre, 584 Seiten und fünf Verleger brauchte. Den einzigen Vergleich, den man zu "From Hell" anstellen könnte, ist der zu Art Spiegelmans Meisterwerk "Maus". In einem Interview verglich Späthippie Moore letztens die Arbeiten "From Hell" mit dem Bau einer Kathedrale - und so abwegig ist dieser Vergleich gar nicht. Alles, was Meister Moore schon bei den "Watchmen" angelegt hatte - Synchronizität, Symbolik und Symmetrie, Jung'sches kollektives Unterbewusstsein und Freud'sche verdrängte Sexualität - bricht sich hier seine Bahn, wird zu einem gewaltigen Epos, zu einer Meditation über das Böse im Menschen. Denn hinter der eigentlichen Ripper-Story steht viel mehr: eine politische Intrige, ein gesellschaftliches Hazardspiel und sogar eine Geheimgesellschaft, die die Weltherrschaft anstrebt. Und was zunächst aussah wie ein klassischer viktorianischer Krimi, entpuppte sich schnell als Psychogramm einer Epoche: Das britische Empire, das auf dem Höhepunkt seiner Macht bereits den Keim des Untergangs in sich trägt. Und das Böse manifestiert sich nicht nur in Jack the Ripper. Am Scheidepunkt zum Zeitalter der Massenvernichtung werden die Leser auch zum Beobachter bei der Zeugung Adolf Hitlers.
Neben diesem Werk und Brotarbeiten für "Spawn" und die "WildC.A.T.s", schrieb Moore in den letzten Jahren mit "Surpreme" auch noch den "besseren Superman". Hier versteckt er seine pessimistische Weltsicht in sehnsuchtsvollen, nostalgischen Beschwörungen. (LuG)
Joann Sfar
Die Bereicherung der Gattung Comic Strips aus dem Geist der Philosophie: So könnte man das Werk des Szenaristen Joann Sfar überschreiben. Philosophie und Malerei hat er in Nizza studiert, wo er 1971 geboren wurde. In Paris kam später Morphologie hinzu. Offensichtlich ist Sfar in seinem Studium stark von den französischen Strukturalisten und ihrem Entwurf der Postmoderne geprägt worden. Denn das Eigentümliche seiner Comic-Drehbücher ist die souveräne Verfügung über vorgegebenes, mehr oder minder trivialmythologisches Material. Die Geschichten, die Sfar schreibt, reflektieren stets auf vorgegebene Strukturen und benutzen diese zum ironischen Spiel mit Stereotypen. In der Serie "Die Potamoks" (mit dem Zeichner Jose Luis Munuera) werden Entdeckergeschichten mit der Exodus-Legende des Alten Testaments auf Monster-Niveau kombiniert. In "Merlin" (ebenfalls mit Munuera) muss sich der Sagenkreis um König Artus eine naive Sicht verpassen lassen. Und in "Donjon" (mit Lewis Trondheim) werden die Vorgaben aller denkbaren Fantasy-Spiele durcheinander gewirbelt. Sfars Comics lassen sich nicht mehr einer Kinderbuch- oder Erwachsenen-Sphäre zuordnen. Sie schlagen nach allen Seiten um und sind darum besonders taufrisch schillernd. (HH)
Jean Dufaux
Der 1949 geborene Belgier Jean Dufaux ist einer der produktivsten und vielseitigsten Szenaristen in Europa. Nach einer kurzen Laufbahn als Journalist, Theater- und Romanschriftsteller wandte er sich dem Comic zu. Zusammen mit dem Zeichner Renaud erweckte er 1987 "Jessica Blandy" und 1988 "Die Kinder des Salamander" zum Leben. In Zusammenarbeit mit Griffo entstand 1986 "Beatifica Blues", gefolgt von "Giacomo C." (1987), "Sade" (1991) und "Samba Bugatti" (1992). Nach einigen weiteren Alben mit anderen Zeichnern, darunter Marc Malès, schuf Dufaux für das zu Dupuis gehörende Prestige-Label Aire Libre "Monsieur Noir", abermals zusammen mit Griffo. Zu seinen neueren Werken gehören "Schattenspiele", "Verfolger der Krone" und das von dem jungen Schweizer Enrico Marini in rasante Sequenzen umgesetzte fantastische Epos "Rapaces".
Scheinbar mühelos bewegt sich Jean Dufaux durch alle Genres. Sein Spektrum umfasst Thriller, historische Stoffe, Science-Fiction und Western, manchmal auch in Kombination mit Elementen aus Abenteuer und Mystik. Die Professionalität, mit der Dufaux Spannungsbögen oft über weite Strecken aufbaut und schließlich auflöst und lebendige Charaktere und Dialoge entwickelt, spiegelt seine Verbundenheit zu Film und Literatur wider. (pela)
Anne Sibran
Die im deutschen Sprachraum noch weitgehend unbekannte französische Autorin von Comics und Kinderbüchern Anne Sibran fiel der Jury durch ihr hervorragendes Einzelwerk "Die Erde ohne Übel" (Salleck Publications) besonders auf. Dieser Band zeigt in exemplarischer Weise, wie der Autor einer Comic-Erzählung maßgeblich an der Wirkung des Gesamtwerkes beteiligt ist. Obwohl auch die Zeichnungen (Lepage) des Bandes hervorragend gelungen sind, ist es erst der Text von Anne Sibran, der diesen Comic-Roman über den Durchschnitt vieler gut gezeichneter Alben hebt. Assoziativ und subtil, oft mit bewusst gesetzten Sprüngen und Auslassungen erzählt Sibran einfühlsam und unaufdringlich philantropisch von dem Schicksal einer Forscherin, die einen sterbenden Stamm südamerikanischer Indianer auf deren letzten Reise auf der Suche nach der "Erde ohne Übel" begleitet. (HaHa)
Spezialpreis der Jury
Mutanten-Kosmos (Christian Gasser), WDR
Muss man Comics in Deutschland immer noch verteidigen? Offensichtlich. Der Schweizer Rundfunk-Redakteur und Comic-Herausgeber (Strapazin) Christian Gasser hat es wieder mal getan - in einem Medium, in dem diese Verteidigung sehr selten geschieht: dem Rundfunk. Und dem Medium perfekt angepasst: als singendes, klingendes Feature, höchst sinnlich, berstend vor Musik und Geräuschen, rasant montiert zwischen Fiktion und Information. Eine Reise zu deutschsprachigen Comic-Künstlern führt zugleich in die Dimension ihrer Kunst, dem Mutantenkosmos. Es gibt keine konventionellen Statements. Die Aussagen zu Stil, Tendenz und Form sind vielmehr in kleine Spielszenen verpackt. Sogar historische Abrisse von Fachleuten wirken in Gassers Klangräumen höchst interessant. Eine Sendung, die anregt, zum Comic zu greifen - und zwar durch die Entzündung des akustischen Sinns. (HH)
comicon.com (Rick Veitch)
Ein alter Anarchist war der Zeichner Rick Veith schon immer: Als Nachfolger von Alan Moore bei "Swamp Thing" nahm Veitch die gut funktionierende Horrorserie und machte aus ihr einen Diskurs über Ökologie und Philosophie. Als er Swampy gar auf Jesus Christus treffen ließ, zog der Verlag die Bremse. Seitdem mag Veitch nicht mehr gern mit großen Häusern zusammenarbeiten. Doch sein eigenes Haus, die Webseite comicon.com, entwickelte sich in den letzen Monaten zur größten ständig geöffneten Comic Convention der Welt. Alle amerikanischen Kleinverlage haben auf dieser Seite ihren virtuellen Stand eröffnet, viele Zeichner und Autoren haben sich angeschlossen. Fanseiten, News, Chaträume, Verlage, Agenten - es gibt wohl keinen Aspekt der Comicwelt, den man nicht von dieser Seite aus erreichen könnte. Was wieder einmal die These bestätigt: Das weltweite Web ist ein idealer Tummelplatz für Anarchie und Chaos. Und das ist gut so. Ein Beispiel für den Aufbruch des Comics in neue mediale Formen. (LuG)
"DC-Archiv", Dino
Schon merkwürdig, daß ausgerechnet der Dino-Verlag, der ja von vielen verdächtigt wird, "gewaltverherrlichenden Schund" zu produzieren, mit seinem Hardcoverprogramm vormacht, wie man Comics richtig verlegt. Denn sowohl die DC-Archiv-Reihe als auch die modernen Klassiker von Dino 2000 sind wunderschön gemachte Bücher und beispielhaft für die historische Comic-Aufarbeitung. "Batman" von Finger, Kane und Robinson braucht keinen Vergleich mit dem vielgelobten Will Eisner zu scheuen. Gil Kanes "Grüne Laterne" ist von einer unvergleichlichen tänzerischen Eleganz. Und "Superman" von Siegel und Shuster hat eine moralische Integrität, die den Siegeszug dieser Figur nur allzu verständlich macht. Die Stories entsprechen dem Science-Fiction-Standard dieser Zeit. Die DC-Archive schließen nicht nur eine historische Lücke, die in Deutschland seit 60 Jahren besteht. Hier macht ganz offensichtlich jemand Bücher, der dieses Medium liebt: in geprägtes Kunstleder gebunden, fadengeheftet, sorgfältig übersetzt und (besonders beim "Crisis"-Band) vorsichtig rekonstruierte Originalzeichnungen. Man nimmt diese Bände einfach gerne in die Hand - und im Schrank sehen sie auch gut aus. (LuG)
"Das lange ungelernte Leben des Roland Gethers" (Shane Simmons), Maro Verlag
"Das lange ungelernte Leben des Roland Gethers" ist eigentlich ein klassischer englischer Gesellschaftsroman, wie er im vorigen Jahrhundert gang und gäbe war. Shane Simmons erzählt dabei die (tragische) Geschichte eines vom Schicksal gebeutelten Bergarbeitersohnes von der Wiege bis zur Bahre. Was größtenteils als absurde Chronik in einem den "Monty Pythons" oder Douglas Adams nicht unähnliches Stil beginnt, entwickelt im Laufe der Handlung durchaus ernsthafte, ja, sozialkritische Aspekte, welche der skurrilen Lebensbeichte gelegentlich melodramatischen Tiefgang verleiht. Simmons bedient sich dabei ausschließlich der Form des Dialogs. Seine Geschichte könnte, ohne Abstriche und Veränderungen, daher auch als Hörspiel erscheinen. Oder als bilderloses Buch. Aber Simmons hat seine Texte in kleine - sehr kleine! - quadratische Blöcke gepackt, hat Punkte als handelnde Personen hinzugefügt und ab und zu auch mal einen Soundeffekt oder einen grafischen Kniff, wie das eine oder andere Quadrat schwarz zu färben, verwendet. Und somit ist "Das lange ungelernte Leben des Roland Gethers" eindeutig ein Comic. Wenn auch ein in vielfacher Hinsicht außergewöhnlicher. Deswegen wurde der Band von der Jury auch in der Kategorie "Sonderpreis" nominiert und nicht etwa als "Beste Comic-Publikation" oder Simmons als "Bester Szenarist", obwohl beides durchaus gerechtfertigt gewesen wäre. Denn dieses Werk ist besonders. Und sonderbar. Auf jeden Fall aber lesenswert. (HaHa)
Der Sonderpreis für ein Lebenswerk wird ohne Nominierung vergeben
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