Das Comic Quartett
Vier Kritiker und vier Comics
Podiumsdiskussion
evenTraum, Bauhofstraße
Donnerstag, 22. Juni, 19.00 Uhr
Teilnehmer: Petra Lakner, Frank Neubauer, Andreas Platthaus
Moderation: Eckart Sackmann
Die Comic-Kritik und die Rezensionskultur im deutschsprachigen Raum sind seit einigen Jahren rückläufig. Die Umorientierung der Fachpresse und ein Rückgang der Besprechungen in Tageszeitungen und Stadtzeitschriften gingen einher mit einer erneuten "Trivialisierung" des Comic. Darunter leiden insbesondere qualitativ hochwertige Titel. Ihnen fehlt ein Forum, um sich bekannt zu machen, ein kultureller Multiplikator.
Das in diesem Jahr in Erlangen erstmalig vorstellige "Comic Quartett" möchte in einer dem bekannten "Literarischen Quartett" nachempfundenen Form zum Verständnis des anspruchsvollen Comics beitragen. Vier erprobte Kritiker setzen sich im Streitgespräch mit vier ausgewählten neueren Werken der Comic-Literatur auseinander. Ihr Beitrag sollte als ein erster Versuch gewertet werden, einen Teil der Bild-Erzählung in den allgemeinen Literaturbetrieb einzugliedern.
FREITAG, 23.6.2000
Comics - eine komische Geschichte
Dia-Vortrag
Eckart Sackmann, Comic-Experte und Literaturwissenschaftler, Hamburg
Rathaus, Kleiner Saal
Freitag, 23. Juni, 11.00 Uhr
Dass Wilhelm Busch keine Sprechblasen verwandte und dass die "Dramatisierung" des Comics auch international erst kurz vor der Jahrhundertwende einsetzte, hatte seine Gründe vor allem in reprotechnischen Ursachen. Die in der Presse übliche Form des Hochdrucks und das Zusammengehen von Bleisatz und Holzstich wirkten einer dynamischen Bildsprache entgegen.
Sprechblasencomics sind in Deutschland erst nach dem Zweiten Weltkrieg heimisch geworden. In der Fachliteratur ist immer wieder zu lesen, dass der für die Spätentwicklung entscheidende Einschnitt mit der Zeit des "Dritten Reichs" gleichzusetzen ist. Das allein ist als Erklärung nicht hinreichend. Auch vor 1933 bereits war die Entwicklung der Bild-Erzählung nicht den vor allen Dingen aus den USA stammenden Erneuerungen gefolgt.
Die deutsche Mentalität, Besonderheiten des Trägermediums und nicht zuletzt der übergroße Einfluss von Wilhelm Busch haben hierzulande eine Form des Comics begünstigt, die weit über das Kriegsende hinaus bestimmend war und die noch heute das Wirken einheimischer Comic-Künstler bestimmt.
Bild und Schrift im Comic
Dia-Vortrag
Christoph Haas, Germanist, Publizist, Würzburg
Rathaus, Kleiner Saal
Freitag, 23. Juni, 13.00 Uhr
Christoph Haas spricht über die für schrifthaltige und schriftlose Panels je spezifische Repräsentation von Zeit; über die verschiedenen Möglichkeiten der Verbildlichung von Schrift im Comic und schließlich über die charakteristischen Merkmale völlig schriftloser Comics. Seine These: Der Comic betreibt nicht nur die Verbildlichung der Schrift, sondern auch die Verschriftlichung des Bildes. Zur Illustration der Thesen dienen Comics u.a. von Hergé, Carl Barks, Will Eisner, Frank Miller und Moebius.
Fanzines als Karriere Sprungbrett?
Podiumsdiskussion
Rathaus, Kleiner Saal
Freitag, 23. Juni, 14.00 Uhr
Teilnehmer: Uli Oesterle ("Schläfenlappenphantasien", Zwerchfell Verlag), Rautie ("Heinz und Pifie: Nanu-Ragout aus Dosen", Edition Panel), Kim Schmidt ("Öde", Flying Kiwi Verlag, "Unser Schumi", Achterbahn Verlag), Ulf K. ("Der Mondgucker", Edition Panel, "Tango mit dem Tod", Edition 52), Haggi ("Di Abenteuer fom Hartmut", Carlsen), Harm Bengen ("Sandra Bodyshelly", Edition Kunst der Comics)
Moderation: Bert Dahlmann (Panel ambixious comix)
Ralf Königs erster Comic erschien einst im Plop, Ulf K. veröffentlicht im Panel, Uli Oesterle früher im Comicstrich und Haggi machte gar ein eigenes Fanzine auf, bevor der Erfolg sich einstellte.
Ob und inwieweit kann die Veröffentlichung in Fanzines Comic-Künstlern heute beim Start einer Karriere helfen? Hat ihnen diese Art der Öffentlichkeit und Kommunikation mit "Gleichgesinnten" bei ihrer künstlerischen Entwicklung geholfen? Außerdem spricht die Runde über das aktuelle Interesse an deutschen Comics im Ausland - so kam Ulf K.s Debütalbum Anfang dieses Jahres auch auf Französisch heraus, eine englische Ausgabe folgt im Sommer, Uli Oesterles zweites Album wird sogar parallel für das französische und deutsche Publikum produziert.
Heft-Markt in der Krise?
Hit Comics-Diskussion
Rathaus, Kleiner Saal
Freitag, 23. Juni, 15.30 Uhr
Teilnehmer: Christian Heesch (Zwerchfell), Ralf Heinrich (Modern Graphics/Chaos! Comics), Michael Möller (Schwarzer Turm), Max Müller (Dino), Marius Kessler (Infinity), Tony Verdini (Panini/Marvel), Bernd Kronsbein (Speed)
Moderation: Martin Jurgeit (Chefredakteur ZACK) und Jörg Krismann
Noch vor kurzem schien es so, dass den explodierenden Heft-Markt nichts stoppen könnte. Doch jetzt ziehen sich erste Anbieter vom Markt zurück und andere verkleinern ihre Produkt-Palette im Bereich der Action-Comics. Eine hochkarätige Runde von Verlagsvertretern wird zu diesen Entwicklungen unter Leitung von Hit Comics-Chefredakteur Martin Jurgeit Stellung nehmen.
Superhelden über Deutschland
Das Auf und Ab der kostümierten Übermenschen in der deutschen Comic-Szene
Podiumsdiskussion mit Einführungsvortrag
Rathaus, Kleiner Saal
Freitag, 23. Juni, 17.30 Uhr
Teilnehmer: Martin Jurgeit (Hit Comics), Max Müller (Dino), Tony Verdini (Marvel), Joachim Kaps (Carlsen), Georg F.W. Tempel (Ehapa), Bernd Kronsbein (Speed), Jörg Augsburg (EEE), Wolfgang J. Fuchs (Journalist und Übersetzer)
Moderation: Harald Havas (Journalist, Autor, Wien)
Von frühen Anfängen in den 50er Jahren über die große Flaute der 80er bis zu Hochglanz-Multi-Variant-Heften und Hardcover-Editionen der späten 90er reicht die wechselvolle Geschichte der Superhelden in Deutschland. Durch die Jahrzehnte heiß geliebt und heftig bekämpft belebten die Männer und Frauen aus Stahl erst vor wenigen Jahren wieder den hierzulande darniederliegenden Bereich der Comic-Hefte. Doch nun scheint der Boom schon wieder am Abklingen zu sein. Marktbereinigung oder neuerliches Aus?
Die Macht gemischter Wesen
Mythologische und ästhetische Wurzeln des Bestiariums in der Star-Wars-Saga
Vortrag mit Filmausschnitten und Bildbeispielen von Herbert Heinzelmann, Medienpädagoge und Journalist, Nürnberg
evenTraum, Bauhofstraße
Freitag, 23. Juni, 18.30 Uhr
Was hat die Landung eines Raumschiffs auf dem Planeten Endor mit Homers "Odyssee" zu tun? Hat Chewbacca, der zottige Wookie, ein Vorbild im babylonischen Gilgamesch-Epos? Welchen uralten Menschheitsträumen entspricht das Robo-Pärchen C-3PO und R2-D2? Und sitzt Jabba, the Hut, womöglich schon seit Jahrhunderten auf den Dächern gotischer Kathedralen herum? Das sind einige Fragen, die dieser Vortrag beantworten will. Er spürt die Wurzeln der Star-Wars-Saga in antiken Texten und deren Verfilmungen auf und versucht, die kulturellen Zusammenhänge zwischen postmoderner Massenunterhaltung und zivilisationsgründender Mythologie herzustellen. Es gibt viele bewegte und auch einige stehende Bilder zum beliebten Kino- und Comic-Kult.
Die Elefantenrunde
David gegen Goliath - Der deutsche Comic-Markt 2000
Podiumsdiskussion
evenTraum, Bauhofstraße
Freitag, 23. Juni, 19.30 Uhr
Teilnehmer: Joachim Kaps (Carlsen), Michael F. Walz (Ehapa), Max Müller (Dino), Klaus D. Schleiter (Mosaik), Rossi Schreiber (Schreiber & Leser)
Moderation: Eckart Sackmann (Herausgeber von RRAAH!)
Die Polarisierung und Aufsplitterung des deutschen Comic-Marktes begann schon vor geraumer Zeit. Auf der einen Seite geht der Trend zu multimedial tätigen Verlagen mit großer finanzieller Macht, die vorwiegend über den Kiosk anbieten und hier mittlerweile einen Verdrängungswettbewerb führen. Zum anderen ist gerade heute ein verstärktes Engagement von Kleinverlegern zu beobachten.
Die deutsche Comicszene, jahrzehntelang eine relativ homogene Gruppierung, ist längst einer Vielzahl von Szenen gewichen. Der Zusammenhalt der Gemeinschaft funktioniert eher künstlich über das gemeinsame Auftreten auf Comic-Salons und Börsen. Kann und will ein Comicverlag heute noch die Gesamtheit aller Comicleser ansprechen? Werden die Kleinen von den Marktführern schonungslos an den Rand gedrängt, oder lohnt sich ein Leben in der Nische?
SAMSTAG, 24.6.2000
Zukunftsbilder
Eine Zeitreise durch Science-Fiction-Comics
Dia-Vortrag
Heiner Jahncke, Comic-Experte und -Sammler, Hamburg
Rathaus, Kleiner Saal
Samstag, 24. Juni, 11.30 Uhr
Der Mensch hatte schon immer das Bedürfnis, in die Zukunft zu sehen, sich ein Bild von seiner Zukunft zu machen. Das visuelle Medium Comic war dafür wie geschaffen. Anders als der viel aufwendigere Film erlaubt es mit einfachen Mitteln die Darstellung der phantastischsten Ideen - sofern man solche hat. Aber auch hier gilt: Utopie und Science-Fiction verraten in der Regel mehr über die Zeit aus der sie stammen, als über die Zeit, die sie beschrieben. Dieser Vortrag möchte anhand von mehr als 100 Dias eine Zeitreise durch die Vergangenheit der Zukunft bieten - so wie sie sich im Comics des 20. Jahrhunderts, vor allem seiner zweiten Hälfte, darstellte.
Dabei reicht das Spektrum von den Klassikern bis zu Kuriositäten und Raritäten. Alle wichtigen Themen und Motive werden, oft an unterschiedlichen Beispielen, vorgestellt - von der Sehnsucht nach den Sternen bis zur Apokalypse. Gleichzeitig wird damit die Entwicklung deutlich, die der Comic selbst inhaltlich und formal genommen hat - auf seiner Reise in die eigene Zukunft.
Germany Online
Die Comics und das Internet
Podiumsdiskussion mit Einführungsvortrag
evenTraum, Bauhofstr.
Samstag, 24. Juni, 14.00 Uhr
Teilnehmer: Peter Kawinek (orf.on-Comic-Channel), Lutz Göllner (Comic-Journalist, Berlin) Johann "Hansi" Kiefersauer (Zeichner), İTOM (Zeichner, angefragt), Burkhard Ihme (ICOM), Michael Golletz (Bulls-Press, angefragt)
Moderation: Harald Havas (Journalist, Autor, Wien)
Immer mehr Web-Sites mit Comic-Inhalten sprießen auch in den deutschen Seiten des "weltweiten Netzes". Von simplen, teilweise privaten Homepages von Amateuren wie Profis des Genres, über Sekundärbereiche, bis hin zu großen kommerziellen Sites, die sich mit teilweise extra gefertigten Strips deutscher Zeichner schmücken. Jüngstes prominentes Beispiel: der Start eines eigenen Comic-Channels mit "Daily Strip"-Konzept auf ORF.ON, einer der meistbesuchten ("gehitteten") Sites des deutschsprachigen Raums. Sieben österreichische (später auch deutsche) Zeichner haben dort seit April die Chance, eine Comic-Serie in wöchentlicher Folge online zu publizieren (http://comics.orf.at). Mit täglich zwischen 10.000 und 20.000 Besuchern. Wodurch sich mehrere Fragen ergeben: Helfen die Online-Medien den deutschen Zeichnern? Verändern sich dadurch Publikationsmöglichkeiten bzw. Chancen, eine Öffentlichkeit zu erreichen? Wem nützt Self-publishing im World Wide Web?
Erotic Comic Art
Dia-Vortrag - für Erwachsene
Achim Schnurrer, Verleger, Edition Kunst der Comics/Alpha Comic Verlag
Rathaus, Kleiner Saal
Samstag, 24. Juni, 15.00 Uhr
Erotik in der Comic-Kunst, das ist weit mehr als das Spektrum von "Barbarella" bis "Druuna", von Phoebe Zeitgeist über die drallen Powerfrauen Robert Crumbs bis zu den Pornoqueens von Giovanna Cassotto. Insbesondere Künstler und auch Künstlerinnen aus Frankreich, Italien und Spanien haben sich erotischer Comic-Kunst von mitunter außergewöhnlicher Qualität verschrieben. Anhand von Beispielen, Künstlern wie Magnus, Manara, Varenne und vielen anderen versucht dieser Vortrag Belege für die These zu finden, dass der Erwachsenen-Comic explizit erotischer Ausprägung neben sinnlicher Ausstrahlung und der offenen Anmache der Leser(innen) noch mehr zu bieten hat, nämlich eine künstlerische Qualität, die sich nicht im Film, nicht im Theater oder in der Literatur, sondern nur im Comic entwickeln konnte.