Mattotti, Glaser, Moebius: La Divina Commedia
Andreas Dierks besucht Ausstellung in Florenz
August 2000
Was für den braven deutschen Schüler die Auseinandersetzung mit Werken von Goethe und Schiller ist, das kommt auf den italienischen Pennäler in Form der Göttlichen Komödie zu, die Dante Alighieri zwischen 1307 und 1321 schrieb. Es wird in kaum einem Falle so sein, dass die Schüler am Studium dieser Klassiker der Literatur Interesse hätten, doch die Weisheit der Lehrplangestalter gebietet seit
Generationen, dadurch aus einer Horde ungehobelter Schimpansen eine Klasse dem Klang gedrechselter Verse und der Sprachgewalt geschachtelter Relativsätze andächtig und staunend lauschender Bildungsbürger zu machen, auf dass das, was ererbt von den Vätern, erworben werde, um es zu besitzen.
"Ich bin im dritten Kreis, in einem Regen,
der ewig, flucherfüllt und schwer und kalt
herunterströmt, derselbe unaufhörlich.
Von Hagelkörnern, Schnee und schmutzigem Wasser
ein Mischmasch; gießt es durch die Finsternis;
die aufgeweichte Erde stinkt davon.
Das grimme Hundescheusal, Zerberus,
läßt hündisch aus drei Rachen sein Gebell
auf Menschen, die im Schlamm versinken, los.
Mit laufnen Augen, schmierigem Schnauzbart,
geblähtem Wanst und krallig scharfen Pfoten
zerkratzt, zerreißt und schindet er die Seelen,
die auch wie Hunde unterm Regen heulen,
bald die, bald jene Seite schirmen wollen,
sich emsig im verfluchten Elend wälzend."
(aus: Die Hölle, VI. Gesang,
übersetzt von Karl Vossler)
Die Göttliche Komödie schildert in hundert Kapiteln, wie es der
menschlichen Seele nach dem Tode ergeht, wo und wie man wegen welcher
Sünde in der Hölle gepiesackt wird, wie man bereut und dann letztlich im Paradies seine vermeintliche Ruhe findet.
Offenbar ist der höllische Teil der Göttlichen Komödie für die meisten Leser noch der interessanteste. Der hier geschilderte pure Horror, der im Schattenreich hinter jeder Ecke lauert, bildet eigentlich eine schöne Vorlage für einen dickleibigen Gruselcomic. Tatsächlich haben sich Comicautoren an den Stoff herangesetzt. Doch von der Schilderung ängstigender Qualen blieb dabei kaum eine Spur. Bei Disney erschien im italienischen "Topolino" von Oktober 1949 bis März 1950 eine Micky Maus-Variante des Höllengangs von Dante, wobei Goofy den Dichter Vergil verkörperte. Das klingt albern und despektierlich, aber die von Guido Martina abgefasste und von Angelo Bioletto gezeichnete Version hat originellen Witz und gipfelt darin, dass sich die beiden Autoren selbst schamhaft vor Dante als Verräter verantworten und um Verzeihung bitten. Dieser Spaß erschließt sich selbstredend nur einem Publikum so richtig, welches Dantes Original in etwa kennt. Daher ist anzunehmen, dass diese "Micky Maus"-Geschichte in Deutsch nie
herauskam?
Eine weitere humorige Bearbeitung des 'größten christlichen
Weltgedichts' (s. Knaur) hat Marcello mit "Dante" vorgelegt. In
zahlreichen Comic-Strips, die u.a. "Fumo di China" veröffentlichte, reiht er einen Gag an den nächsten, bei denen es auch gerne einmal anachronistisch zugeht. In zehn Heften ist um 1998 eine Sammlung aller Strips bei Edizioni Foxtrot herausgegeben worden.
Ausstellungsraum der Nationalbibliothek in Florenz
Aufhorchen ließ nun aber die Nachricht, dass sich Lorenzo Mattotti,
Milton Glaser und Moebius mit der Göttlichen Komödie beschäftigten. Eine Ausstellung mit der von ihnen dazu angefertigten Arbeiten war unter anderem für Florenz angekündigt (bis Ende August 2000). In einem größeren, altehrwürdigen Raum, von denen es in Florenz offenbar nur so wimmelt, hingen dann die Werke reihum an den Wänden. Vorweg und kurz gesagt: es war sehr interessant, aber es hatte mit Comic nur so viel zu tun, als dass Lorenzo Mattotti ("Der Mann am Fenster", "Stigmata") und Moebius ("John Difool", "Die Sternenwanderer") als hochkarätige Comiczeichner bekannt sind. Zusammen mit Milton Glaser, einem namhaften US-amerikanischen Künstler, hatten sie den Auftrag des Verlags Nuages angenommen, eine Neuausgabe der Göttlichen Komödie für das Jahr 2000 zu illustrieren. Dieses ist den dreien dann auch in der für jeden jeweils typischen Weise beeindruckend gelungen.
Lorenzo Mattotti, dessen Comics in Deutsch bei der Edition Kunst der
Comics erhältlich sind, übernahm den ersten Part der Göttlichen Komödie: Dantes Weg durch die Hölle. Mattottis Bild einer wie aus Beton gegossenen fliehenden Figur im Feuerregen ziert auch den
Ausstellungskatalog. Mit einer zum Teil vom Zufall bestimmten (Druck-)
Technik illustrierte Milton Glaser den Weg über den Läuterungsberg,
den zweiten Teil der Göttlichen Komödie. Und Moebius zeichnete für den dritten Teil, Dantes Beschreibung des Paradieses und der Gottesschau.
Gegenüberstellung von vom Zufall mitbestimmten Drucken Milton Glasers
In einem Vorwort zur Ausstellung verweist Moebius dringlich auf die
Beachtung der künstlerischen Leistung von Gustave Doré, einem seiner Vorgänger als Illustrator der Göttlichen Komödie. Von ihm ließ er sich inspirieren und schuf zwar relativ kleinformatige Sichten in die Welt des Danteschen Himmels, die aber nichtsdestotrotz eindrucksvoll gerieten und den comicbelesenen Betrachter entfernt an "Die Sternenwanderer" oder die Welt um Major Grubert erinnern.
Gustave Doré, ein französischer Grafiker und Maler (*1832 Straßburg, +1883 Paris), schuf für die Göttliche Komödie 1861 beachtliche Illustrationen in Holzstichtechnik. Doré ist Comic-Historikern kein Unbekannter, seine Bildepisoden "Les Travaux d'Hercule" von 1847 und "Histoire pittoresque de la Sainte Russie" von 1854 werden in Comic-Geschichtsbüchern gerne genannt. Moebius beschreibt Dorés Einfluss auf sich in recht schwärmerischen Formulierungen:
"Gustave Doré ist als einziger in der Lage, von Gott eine
Sondererlaubnis zu verlangen, das Paradies zu probieren als wäre
es der vollkommene Apfel grafischer Ekstase. Gustave Doré war
mein einziger Zugang zum Schatten, den das Paradieslicht wirft,
welches durch die engelhafte Feder dieses Künstlers angedeutet
wurde. Das war eine Art Echo ferner Ekstase, ein halbtrockener
Rest Ambrosia, eine Spur aus dem Wind der Zeit gepflückt, auf
welche ich, ohne mich zu schämen, heimlich mein
Durchschreibpapier gelegt habe. Was muss man nicht alles machen,
um sich das Über-Leben zu verdienen!" (Moebius, 1999)
In den Anmerkungen zu seiner Arbeit beschreibt Moebius des Weiteren
die Schwierigkeiten, die sich auftun, wenn man das Paradies darzustellen suche. Höllisches fände man in den Niederungen der Menschheitsgeschichte schließlich genug, um daraus zeichnerische Ideen
abzuleiten. Doch für das Paradies habe man als Vorlage allenfalls ein
Bild von Épinal, mit Harfe spielenden Engelchen und einem glorreichen
Jesus, der rechts von einem Vollbärtigen säße.

Umschwirrt von Engeln: Dante und seine veehrte Beatrice auf Wolke (Moebius 1999)
Aus diesen Worten spricht der Wunsch, für die an ihn herangetragene
Aufgabe weder nüchterne Grafiken wie für ein Lexikon noch schwülstige Heiligenbilder zeichnen zu wollen. Moebius drückt dieses Gefühl nicht nur schriftlich aus, er setzt diese Absicht in seinen Illustrationen zur Göttlichen Komödie auch gekonnt um. Sein Lebenswerk, unter anderem geprägt durch die esoterische Gedankenwelt Alexandro Jodorowskys, ist reich an Darstellung Überirdischens, was ein günstiger Ausgangspunkt für seine Paradies-Arbeit gewesen sein mag. Doch ist gerade das auch Anlass, beim Betrachten mancher seiner Bilder nicht zu wissen, ob man schmunzeln oder erstaunt innehalten sollte. Zeigt Moebius hier ein frommes oder augenzwinkerndes Gesicht? Seine Zeichnungen bieten beide Auslegungen an und stehen damit für den Seelenzustand vieler, die
einerseits gerne dem Glauben an ein paradiesisches Jenseits zuneigen und andererseits nicht bereit sind, diesen Glauben für sich kritiklos
anzunehmen. Da hatte es Dante Alighieri seinerzeit dem Anschein nach viel leichter: da es Beatrice gab, musste es auch ein Paradies geben, denn wo hätte die edle Frau nach ihrem Tode sonst hinsollen? So einfach war das.
- "La Divina Commedia" von Lorenzo Mattotti/Milton
Glaser/Moebius/Ferruccio Giromini/(Biblioteca Nazionale Centrale di
Firenze) (32 S.; SC; 24 x 26,7; etwa 15,-)
- "La Divina Commedia" von Dante/Lorenzo Mattotti: 'Inferno' (etwa 50,-; ISBN 88-86456-97-2)
- "La Divina Commedia" von Dante/Milton Glaser: 'Purgatorio' (etwa 50,-; ISBN 88-86456-98-0)
- "La Divina Commedia" von Dante/Moebius: 'Paradiso' (etwa 50,-; ISBN 88-86456-99-9)
P.S. Bei der Recherche stieß ich auf eine weitere, mir (noch)
unbekannte Comic-Adaption des Hauptwerks von Dante: "Göttliche
Komödie" von F. Bach, 1973, bbv (Basel), Buch, 25 DM
Sammlerwert (Z1). Für sachdienliche Hinweise, die zur Ergreifung
dieses Buches führen, wäre ich sehr dankbar.
Sind außer den oben genannten noch weitere Comics zur
Göttlichen Komödie erschienen?
Weitere Informationen zur Ausstellung gibt es auf der offiziellen Website der Nationalbibliothek Florenz: http://www.bncf.firenze.sbn.it/notizie/testi/divina.htm.
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