Manga - Die Welt des japanischen Comic
Andreas Dierks stellt die Ausstellung des Japanischen Kulturinstituts Köln vor
September 2000
In der Edo-Zeit (1600-1868) begannen sich in der japanischen Literatur in Form der kibyôshi (d.i. Bücher mit gelbem Umschlag) Bild und Schriftzeichen zu einem Ganzen zu mischen. Da die Schriftzeichen - seit dem 5. Jahrhundert nach Christus dem Chinesischen entnommen und weiterentwickelt - selber im Ursprung Piktogramme sind, ist diese Vermischung im Grunde naheliegend, auch wenn diese Zeichen im Laufe der Zeit nicht mehr ihre anfängliche Bedeutung sondern eine Lautung wiedergaben. Wer also Comic als Abfolge und Kombination von Zeichen verschiedenen Abstraktionsniveaus versteht, wird gerade auch in Japan und China nach seinen Wurzeln graben können.
Der großformatige und informative Katalog zur Ausstellung "Die Welt des japanischen Comics" stellt nicht nur Beschreibungen zu den ausgestellten Werken zusammen, sondern er weist in zwei einleitenden Essays auf die Bemühungen japanischer Forscher hin, den Ursprüngen des Manga auf die Spur zu kommen. Bemalte Papierbahnen, die zwischen zwei Rollen hin- und hergewickelt wurden (emakimono), bilden zudem einen Ausgangspunkt für die historische Betrachtung des japanischen Zeichentrickfilms, der jetzt Anime genannt wird. Der Verfasser des Artikels erläutert dieses an Hand von Abbildungen aus dem Buch "Zeichentrickfilme des 12. Jahrhunderts" von Takahata Isao. Diese Ausführungen sollte man allerdings kritisch hinterfragen, da bei einem emakimono der Leser die Lesegeschwindigkeit (Erzählzeit) bestimmt, beim Film jedoch der Regisseur. emakimono ist meines Erachtens früher Comic, nicht früher Film. In den letzten Jahren wurde der Manga Gegenstand der akademischen Forschung, im April 2000 richtete man an der Seika-Universität in Kyôto ein offizielles Fach für Manga ein, als führendes Museum im Bereich Manga gilt das Städtische Museum Kawasaki, welches eine rege Sammeltätigkeit entwickelte.
Grundsätzlich sei die Durchführung einer Ausstellung von Manga deswegen schwierig, weil der Schwerpunkt des Manga auf einem interessanten Erzähltext liege. Die Einzelbilder seien nicht dazu da, sich an ihrer zeichnerischen Perfektion und Farbgebung zu erfreuen, sondern den Erzählfluss zu befördern. Daher enthalten sie viele semiotische Elemente, die die rasche Lektüre erleichtern sollen. Beim Comic frankobelgischer Tradition sei das deutlich anders, weswegen er sich in einer Ausstellung einfacher präsentieren lasse, meint man im Katalog. Also entschieden sich die Ausstellungsmacher entgegen der Tatsache, dass der Manga üblicherweise sehr seitenstark und schwarzweiß ist, dafür, nur kurze Manga zu zeigen und möglichst farbige auszuwählen. Insofern wird der Ausstellungsgänger nicht die ganze Welt des japanischen Comics erleben können, aber einen hochinteressanten und bei uns wenig bekannten Ausschnitt.
Die bei uns gängige Erwartung, in einer Ausstellung Originale betrachten zu können, wird enttäuscht. Diese seien aufgrund der vielfachen daran vorgenommenen Korrekturen nicht so gut, als dass sie als vollendete Zeichnung gewürdigt werden könnten, schreibt Herr Natsume, ein Manga sei erst in gedruckter Form ein vollendetes Produkt. Dass man meist gar keine solchen Endprodukte sehen möchte, sondern eine Ausstellung genau deshalb besucht, um die ursprüngliche Arbeit der Zeichner zu betrachten und den Werdegang des Comic nachzuvollziehen, berücksichtigten die Aussteller leider nicht.

Mangawände
Die Wände des Kulturinstituts sind akkurat mit den Exponaten behängt, im Erdgeschoss liegen auf Tischen Mangas aus, deren Seiten in Plastik eingeschweißt wurden und über Metallbügel ordentlich umzublättern sind. Papp- oder Plastikfiguren von Son-Goku, Sailormoon o. ä. Dekorationsmaterial gibt es nicht. Alles wirkt seriös, auf beschauliche Ruhe bedacht. Dabei wäre beispielsweise die Installation eines Kiosk, falls es so etwas in Japan gibt, mit seiner Auslage an typischen, telefonbuchdicken Manga für die Ausstellung etwas auflockernd und für uns ganz spannend, um den Alltagsmanga - auch im eigentlichen Sinne des Wortes - zu begreifen.
Wie in einem originalen Manga auch, so bewegt und liest man sich durch die ganze Ausstellung im Japanischen Kulturinstitut von rechts nach links, vom Erdgeschoss ausgehend die Treppe hoch in die erste Etage. Man sollte sich die Zeit nehmen, die erklärenden Tafeln und die aushängenden Kurzgeschichten in ihrer vorgegebenen Reihenfolge zu lesen, um den Gedanken der Ausstellungsmacher gewinnbringend zu folgen. Neben den gezeigten Drucken befinden sich jeweils auf farbigen Streifen die Übersetzungen ins Deutsche, im Katalog fehlen diese.

Wasser unter der Treppe: Entspannte und ruhige Atmosphäre im Japanischen Kulturinstitut Köln
Der Eintritt zur Ausstellung ist frei. Der preiswerte und empfehlenswerte Katalog kann für 10 DM während der Ausstellung erworben werden. In ihm sind (selbstverständlich) nur jeweils beispielgebende Auswahlen der ausgestellten Mangaseiten abgedruckt.
Auswahl an Artikeln zum Thema "Manga":
- ICOM-Info, Manga-Artikelserie in den Heften 48 bis 51, ICOM, um 1990
- revolution nr. 9, 'manga - 10000 Comics made in Japan', Heft 2, S. 10-15, Verlag Wolfgang Höhne 1991
- RRAAH! magazin, 'East goes West: Manga!', Heft 28, S. 20-26, Verlag Sackmann und Hörndl 1994
- Comixene, Mangamania - Japanische Comics erobern Europa, Heft 54, edition b&k 1995
- Comic Speedline, 'Mangas', 'Mangas ... und die Folgen' und 'Manga Invasion', Heft 55, S. 24-41
- RRAAH! magazin, Manga Special, Heft 36, Verlag Sackmann und Hörndl 1996
Am 18. Oktober 2000 wird Herr NATSUME Fusanosuke, Manga-Spezialist aus Japan, im Rahmen der Ausstellung um 19 Uhr einen Vortrag halten. Herr NATSUME Fusanosuke hat die Konzeption zur gezeigten Ausstellung entwickelt.
Weitere Informationen zur Ausstellung gibt es auf der offiziellen Website des Japanischen Kulturinstituts: http://www.jki.de. Die Ausstellung ist vom 8. September bis 22. Oktober 2000 im JKI in der Universitätsstraße 98 in Köln zu sehen. Öffnungszeiten sind Mo-Fr 9-13/14-17 Uhr und Sa/So 14-17 Uhr.
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V.r.n.l: (1) "Eines Nachts..." (2) "... bekam ein Kaktus Bewusstsein." - Pop (3) "Nachdem er seinen Körper etwas gelockert hatte,..."
Erinnert an "Kaktus" von Laska Comix: "An Antique Moon - 1. Der Nachtflug" von TAMURA Shigeru
Japanische Schrift
Auf die beiden japanischen Silbenschriften (Katakana und Hiragana) beschränken sich die Autoren auch im Comic nicht. Immer wieder trifft man auf chinesische Wortschriftzeichen (kanji), von denen der japanische Schüler in zehn Schuljahren als Grundwortschatz etwa 1.000 zu lernen hat.
Über die Bedeutung nebenstehender Kanji 'màn' und 'huà', in Japanisch 'manga' gesprochen, liest man in deutschen Publikationen nicht immer gleich Lautendes. In revolution nr. 9 von 1991 übersetzt der Autor die beiden Wörter mit "10.000 Bilder", in der Comic Speedline von 1996 meint man, das híeße "witzige Bilder", im Katalog des Comicfests München 2000 versteht man 'man' und 'ga' als "spontan" und "Bild".
Die beiden Kanji zusammen bedeuten in Japanisch manga (d.i. Comic, Cartoon) und in Chinesisch mànhuà (d.i. Karikatur, Spottbild, Zerrbild). Wenn man die Wörter einzeln nach ihrer Herkunftsbedeutung untersuchen möchte, lässt ein Blick ins japanische Wörterbuch schmunzeln: 'ga' heißt nämlich Motte, ein Manga wären folglich 10.000 Motten (vgl. Japanisch-Englisches Wörterbuch unter http://linear.mv.com/cgi-bin/j-e/euc/tty/dict).
Der Blick ins chinesische Wörterbuch ist da aufschlussreicher: màn steht für überfließen, überfluten, überall, allerwärts, frei, zwanglos, und huà heißt malen, zeichnen, Malerei, Zeichnung, Bild, mit Bildern geschmückt u.a. Wem die Freude am Zusammenpuzzeln dann immer noch nicht ausgeht, der wird entdecken, dass im ersten Kanji links das Symbol für Wasser auftaucht (diese drei "Spritzer" links), was auf etwas Zahlreiches hindeutet. Und im zweiten Kanji steht das fensterartige Quadrat eigentlich für Reisfeld, oder?
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Schrift und Comic
Die geschichtliche Entwicklung der Hieroglyphenschriften lässt einen ähnlichen Wandel von Piktogramm zu Lautung erkennen wie die japanische Schrift (vgl. "Die Wiege des Alphabets" in: Spektrum der Wissenschaft, Februar 2000, S. 10), nur entwickelte sich daraus keine anhaltende Comic-Kultur wie in Japan. Gründe dafür könnten gewesen sein, dass kulturelle oder technische Voraussetzungen fehlten oder dass man sich im arabischen Einflussbereich in der Bildenden Kunst aus religiösen Gründen auf Ornamentik konzentrierte. Denn schon Ende des 14. Jahrhundert v. Chr. waren bereits textbegleitende und reich ausgeschmückte Vignetten aus den sogenannten Unterweltsbüchern Ägyptens Vorlage für Grabmalereien (vgl. "Totenbuch von Theben" (1250 v. Chr.) und "Die Schriftkultur einer altägyptischen Siedlung" in: Spektrum der Wissenschaft, Februar 1997, S. 76ff).
Totenbuch von Theben, (1250 v. Chr.), Britisches Museum London
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Mangazahlen
Gegenwärtig ist nach Angaben von Herrn Natsume die Hälfte der gesamten Manga-Produktion für Erwachsene bestimmt. Wenn man zudem bedenkt, dass 40 % aller japanischen Druckerzeugnisse Manga sind, wie er schreibt, kommt man zu dem Schluss, dass wir in Europa bisher noch keinen Hauch einer Vorstellung über die Manga-Welt für Erwachsene bekommen haben, weil sich die europäischen Comic-Verlage in diesem Bereich sehr zurückhalten. Das Japanische Kulturinstitut beziffert den Anteil des Manga an den Gesamteinnahmen für Druckerzeugnisse (etwa 2.600 Milliarden Yen) mit einem Viertel.
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Tateishi oder Gotlib? Tiger TATEISHI bewegt sich mit der "Befreiung von der Materie" im Gefilde des Nonsens und es klingt auch im Zeichenstil etwas an, das dem Werk des Franzosen Gotlib ähnelt. (Bitte zwecks größerer Darstellung auf das Bild klicken!)
TEZUKA Osamu
Als Erneuerer der Ausdrucksformen des Manga wird TEZUKA Osamu angesehen, der mit seiner 1953 erschienenen Comic-Adaption von Dostojewskis "Schuld und Sühne" einen Meilenstein der japanischen Comic-Historie setzte, als Vorbild vieler Manga-Autoren gilt und durch seine comicsyntaktische Erfindungsgabe auch Erwachsene für den Comic interessieren konnte. Beim Carlsen Verlag erscheint von TEZUKA Osamu in Deutsch die Serie "Astro Boy".
TEZUKA Osamu (1928-1989)
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Band 1 von "Astro Boy" in Deutsch
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Das ma
Mit dem ma (d.i. das Dazwischen) wird der (vermeintliche) Leerraum zwischen zwei Panels eines Comics bezeichnet. Scott McCloud stellt die Hypothese auf, dass im Manga diesem ma traditionell eine besondere Bedeutung zukomme. Er schließt dieses aus einer Studie zur Verknüpfung von Einzelbildern, die für den japanischen Comic signifikant andere Resultate lieferte als für den europäischen und amerikanischen Comic. "... die ganze Bedeutung sehr alltäglicher, beinahe leerer Momente zu entdecken, ist eine Art an Dinge heranzugehen, die Japaner mögen", schreibt dazu NATSUME Fusanosuke. Dennoch konnte eine Kontrollstudie aus dem Jahre 1999 die Ergebnisse McClouds nicht bestätigen.
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Ausstellung in Angoulême
In etwas abgewandelter Form wurde diese Ausstellung auch in Angoulême Ende Januar 2001 in einem Zelt gezeigt. Wenn Sie einen Eindruck davon bekommen möchten, können Sie sich einige Fotos davon ansehen.
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