Klare Programmblöcke
Interview mit dem Carlsen-Chefredakteur Joachim Kaps . Von Eckart Sackmann
RRAAH!: Im Comicprogramm, das Carlsen für den Sommer 2001 ankündigt, fallen zwei Schwerpunkte auf. Zum einen ist das der Bereich Fantasy, wie er vorher weitgehend von Splitter angeboten wurde, zum anderen sind das Manga. Wie kam es zu dieser Schwerpunktsetzung?
Joachim Kaps: Wir wollten unser Programm klarer und moderner konturieren und haben auf diesen Punkt schon in den letzten drei Jahren Schritt für Schritt hingearbeitet. Das Sommerprogramm bildet in diesem Jahr sicher am deutlichsten ab, was wir erreichen wollten: Klare Programmblöcke statt vieler einzelner Titel, die keinen Bezug zueinander haben. Erste Reaktionen zeigen uns, daß sowohl der Handel als auch die Leser das goutieren.
Daß Manga einen Schwerpunkt bildet, hat natürlich vor allem mit der enormen wirtschaftlichen Bedeutung dieses Segments zu tun, aber auch damit, daß wir Manga nicht nur als kurzlebigen Trend ansehen, sondern als langlebigen Markt der Zukunft. Bei der Fantasy, die uns ja schon vorher mit Serien wie "Sillage", "El Mercenario" oder "Elfenwelt" beschäftigt hat, hat sich mit dem Zusammenbruch von Splitter nun einfach die Möglichkeit ergeben, eine Zusammenarbeit mit dem potentesten Partner aufzubauen, den Frankreich in diesem Bereich hat, nämlich Soleil, die sich in den letzten Jahren auf ihrem Markt unglaubliche Zuwachsraten erarbeitet haben.
RRAAH!: Während die Fantasy-Serien von Soleil stammen, ist für die Bereiche Manga und Kindercomics offenbar Glénat ein Vorbild. Wie sieht die Zusammenarbeit zwischen diesen beiden Verlagen und Carlsen aus?
Joachim Kaps: Mit Soleil sind wir im Frühjahr vergangenen Jahres übereingekommen, eine sehr enge Zusammenarbeit aufzubauen, in der man sich nicht nur über Programme, sondern auch über Marketing- und Vertriebskonzepte abstimmt. Das hat letztlich dazu geführt, daß wir hier einen exklusiven Zugriff für den deutschen Markt haben. Soleil hatte schon länger nach einem Partner gesucht, der Alben nicht nur druckt, sondern sich auch überlegt, wie er ein Publikum für sie findet.
Mit Glénat entsteht gerade eine vergleichbar enge Zusammenarbeit bezüglich der Serien um "Titeuf", die in Frankreich ja inzwischen unter dem tcho!-Label zusammengefaßt sind. Hier werden wir gegen Ende des Jahres noch viel aktiver werden, um für diese herrlich frechen neuen Fun-Konzepte ein breites Publikum zu erobern. Was Manga betrifft, agieren wir dagegen völlig autark. Daß einige unserer Serien auch bei Glénat verlegt werden, ist wirklich reiner Zufall.
RRAAH!: An was für ein Publikum richtet sich das Carlsen-Comicprogramm?
Joachim Kaps: Ein Publikum gibt es für uns gar nicht, sondern eher verschiedene Publika, die wir mit verschiedenen Segmenten bedienen wollen. So sind etwa unsere Bemühungen im Bereich Fantasy auf ein älteres Publikum ausgerichtet als unser Fun-Programm, mit dem wir wieder viel stärker jüngere Leser ansprechen wollen. Deshalb setzen wir dort stärker auf die Kurzformen, also Strips und Onepager. Auch das Manga-Programm haben wir gezielt in verschiedene Segmente unterteilt. Die Leserschaft von "Dragon Ball" ist im Schnitt deutlich jünger als die von "Evangelion".
RRAAH!: Was war in den beiden letzten Jahren der größte Erfolg und was die größte Enttäuschung?
Joachim Kaps: Der größte kommerzielle Erfolg waren natürlich Son-Goku und seine Freunde. Am meisten gefreut habe ich mich aber darüber, daß es uns gelungen ist, den "Hartmut" als erfolgreiches Thema aufzubauen. Die größte Enttäuschung? Der vorübergehende Wechsel des Marsupilami zu Ehapa.
RRAAH!: Was heißt "vorübergehend"?
Joachim Kaps: Vorübergehend heißt, daß Verträge ja selten für die Ewigkeit gemacht werden und daß ich davon ausgehe, daß die Kollegen in Berlin sich beim Einkauf des Marsupilami ebenso verrechnet haben wie bei "Yps" und "Fix & Foxi".
RRAAH!: Wie bedeutend ist der Absatz über den Spezialhandel? Welche anderen Vertriebswege werden angestrebt?
Joachim Kaps: Vertrieblich stützt unser Engagement sich zu etwa gleichen Teilen auf die drei klassischen Märkte Fachhandel, Buchhandel und Presse-Outlets, weil wir so die stärkste Marktdurchdringung erreichen.
RRAAH!: Wie ist die Akzeptanz der schwarzweißen Taschenbücher im Buchhandel?
Joachim Kaps: Mit den Taschenbüchern konnten wir das Vertrauen des Buchhandels in den Comic zurückgewinnen, das in den 90ern durch strategische Fehler der großen Verlage doch etwas lädiert worden war. Der Buchhandel ist das Format Taschenbuch einfach gewohnt und sieht inzwischen auch, daß er mit Manga wieder junge Kunden in die Verkaufsstellen holen kann.
RRAAH!: Welche Bonelli-Serien stehen auf eurer Wunschliste, wenn sich "Dylan Dog" sich als Erfolg erweisen sollte?
Joachim Kaps: Bei den Bonelli-Serien, die ein etwas anderes Format und eine andere Zielgruppe haben, ist unsere Strategie eine ganz andere, weil hier auch den klassischen Verkaufsstellen für Groschenhefte eine große Bedeutung zukommen wird. Im Falle eines Erfolgs von "Dylan Dog", den man aber erst in etwa einem Jahr endgültig wird beurteilen können, stehen "Julia" und "Martin Mystere" ganz oben auf der Liste, weil sie ganz andere Zielgruppen anpeilen und so mit "Dylan Dog" einen bunten Strauß an Themen bilden, aus dem sich dann jeder das heraussuchen kann, was ihm gefällt.
RRAAH!: Wie weit reicht die Zukunftsplanung bei Carlsen, und was strebt ihr für die nächsten Jahre an? Gibt es so etwas wie eine Verlagsphilosophie?
Joachim Kaps: Theoretisch reicht die konkrete Zukunftsplanung etwa zwei Jahre weit, alles andere macht in unseren schnellebigen Zeiten keinen Sinn. Sie wird auf dem Wege dorthin aber immer wieder hinterfragt und gegebenenfalls korrigiert.
"Verlagsphilosophie" ist vielleicht ein etwas hoch gegriffenes Wort, aber im heutigen Team von Carlsen Comics sind wir uns zumindest in einem Punkt alle einig: Wir arbeiten hier für unsere Leser und verstehen daher das Büchermachen nicht als Selbstzweck, sondern wollen mit jedem Band und jedem Heft möglichst viele Leute erreichen. Das klingt auf den ersten Blick zwar selbstverständlich, ist es aber bei allzu vielen deutschen Verlagen überhaupt nicht, weil es oft als Anbiederung an die Massen verstanden wird. Das muß es aber keineswegs sein.
RRAAH!: Wird es mehr Engagement bei den Eigenproduktionen geben?
Joachim Kaps: Definitiv ja! Wir sind in einer Phase der Entwicklung angelangt, in der Eigenproduktionen ein unabdingbarer Faktor sind. Besonders wichtig ist uns dabei, daß wir hier nicht in einzelnen Büchern, sondern in langfristigen Beziehungen zu Autoren denken, mit denen wir kontinuierlich arbeiten wollen. Daher haben wir uns im Falle von Haggi auch dazu entschlossen, erstmals in der deutschen Comic-Geschichte einen freien Autor fest unter Vertrag zu nehmen.
RRAAH!: Kannst du schon etwas darüber verraten, was im nächsten Winter auf dem Programmzettel steht?
Joachim Kaps: Wir hoffen, daß es uns - ähnlich wie jetzt im Sommer - gelingen wird, durch übergreifende Konzepte und nicht nur durch einzelne Titel positiv zu überraschen. So entsteht etwa gerade ein ganz herrlicher Comic aus der Feder des renommierten Kinderbuchautors und -illustrators Ole Könnecke. Auch Ulf K. arbeitet an einem neuen Projekt, das bei Carlsen erscheinen wird. Generell wird der Herbst an einigen Stellen die Handschrift von Dirk Rehm spüren lassen, der ja vor kurzem zu uns gestoßen ist.
RRAAH!: Joachim Kaps, wie bedanken uns für das Gespräch.
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