Nach ihren gelben Buchdeckeln wurden in der Edo-Zeit die kibyôshi benannt. Ab den ersten Jahrzehnten des 18. Jahrhunderts war bestimmte populäre Literatur an der Farbe der Umschläge zu erkennen. Rotbücher (akahon) enthielten Märchen für Frauen und Kinder, Schwarzbücher (kurohon) und Grünbücher (aohon) brachten Helden- und Rachegeschichten.
Die kibyôshi mit ihren bebilderten Geschichten für Erwachsene bekamen einen gelben Umschlag. Beginnend ab 1775 befassten sich die Kibyôshi auf humorvolle Weise mit dem Alltag des Volkes. Als sie sich zum Teil sogar zur Möglichkeit für politische Satire entwickelten, griff die staatliche Zensur ein. Die gelben Bücher wandten sich daraufhin inhaltlich romantischen Blutrachegeschichten oder aufwändigen Abenteuergeschichten zu.
Blätter 10 verso (rechts) und 11 recto (links), von rechts nach links zu lesen
Stella Bartels-Wu hat sich um die Prinzipien zur Neuausgabe von Kibyôshi verdient gemacht, indem sie "Myô-kinako kogome Dômyôji" (d.i. "Seltsames Bohnenmehl und Bruchreis vom Dômyôji-Tempel") ins Deutsche übertrug und dabei den comicartigen Charakter des Kibyôshi hervorhob. Ihr Augenmerk richtete sich unter anderem auf das für Kibyôshi typische Text-Bild-Gemisch und sie beklagt, dass bei der Neuausgabe von Kibyôshi die Bilder nur als Illustration aufgefasst würden, was diese durchaus nicht seien, da sie Teile der Erzählung enthalten, die sich im Text nicht fänden. Sie schuf daher eine Ausgabe, in der sie sich um eine integrale Wiedergabe von übersetztem Text und Bild bemühte.
Die in dem von Bartels-Wu untersuchten Kibyôshi vorgefundenen Texte haben verschiedene Funktion. Zum einen wird der Erzählfluss durch einen "Kopftext" im oberen Bilddrittel vorangebracht, zum anderen gibt es Redetexte der handelnden Personen und kurze Beschreibungen, die sowohl im Original als auch von ihr in der Nähe der gezeichneten Figuren eingebracht wurden. Das Ergebnis ihrer Bemühungen zeigen beispielgebend die Abbildungen oben und unten.
Die von Stella Bartels-Wu übersetzten Blätter 10v und 11r
Man kann sich dank dieser Übertragung gut vorstellen, wie sehr der Kibyôshi um 1800 bereits dem Manga unserer Tage ähnelte. Den "Kopftext" findet man heute beispielsweise in einem Textkasten ober- oder unterhalb des Panels, die Redetexte würde man jetzt meist in Sprechblasen setzen.
Bartels-Wu erkennt in ihrem Buch die Bedeutung ihrer Untersuchung für die Geschichte des Manga, widmet dem Thema daher ein ganzes Kapitel, in welchem sie comicähnlichen Elementen in "Myô-kinako kogome Dômyôji" und anderen Kibyôshi nachspürt. Sie entdeckt das Entstehen von (Erzähl-) Zeit durch die Text-Bild-Abfolge, sie bemerkt einzelne Speedlines, Traum- und Denkblasen. Diese Ergebnisse belegen einmal mehr, dass es keinen "ersten Manga" oder "ersten Comic" gibt, sondern dass sich das, was wir heute Comic nennen, langsam entwickelt hat. Dabei standen ihm die jeweiligen technischen Möglichkeiten (z.B. die Drucktechnik) kräftig zur Seite.
Buchempfehlung: Stella Bartels-Wu: "Mitatemono und kibyôshi - Edition, Bearbeitung und Übersetzung »Myô-kinako kogome Dômyôji« (1805) von Takizawa Bakin", Harrassowitz Verlag, Wiesbaden 1994, ISBN 3-447-03369-X