Startseite

Rezensor

Druckfrisch

Rezensionen

Tops'n'Flops

RRAAH! online

Rezensionen
[a] [b] [c] [d] [e] [f] [g] [h] [i] [j] [k] [l] [m]
[n] [o] [p] [q] [r] [s] [t] [u] [v] [w] [x] [y] [z]

+++ Zehn Gebote +++
Div. Zeichner/Frank Giroud: ZEHN GEBOTE. Je 56 Seiten, Farbe, SC, DM 23,50 (¤ 12,00)
Aus dem Französischen von Eckart Sackmann ("Le Décalogue: Le Manuscrit / La Fatwa", Editions Glénat, 2001). Lettering: Computer. comicplus+, Bde. 1 und 2 Oktober/Dezember 2001

"Zehn Gebote" ist eines der innovativsten Comicprojekte der letzten Jahre. Darin versucht der französische Szenarist Frank Giroud, die Vorteile der Serie mit jenen des Oneshots zu verbinden. Der Einfall, daß nicht nur die Christen, sondern auch die Muslime ihren Dekalog haben, liegt allen zehn Bänden zugrunde. Mohammeds zehn Gebote sollen auf den Schulterknochen eines Kamels geschrieben worden sein, der auf einem Aquarell im Manuskript "Nahik" abgebildet ist. Dieses Buch spielt in jedem Band eine zentrale Rolle. Es gerät in die Hände verschiedener Menschen und entwickelt eine explosive Kraft, weil die einen Mohammeds Gebote verschweigen, die andern aber sie verkünden wollen. So kommt es, daß eine an sich positive Schrift negative Ereignisse auslösen kann.

Jeder Band bezieht sich auf eines der fiktiven Gebote; alle werden von unterschiedlichen realistischen Zeichnern illustriert. In Band 1, der sich auf "Du sollst nicht töten" stützt, brilliert Joseph Béhé. Der vom Italiener Giulio De Vita hervorragend gezeichnete zweite Band erzählt die Geschichte einer Fatwa, zu der Giroud durch Salman Rushdies Todesurteil angeregt wurde. Obwohl die beiden im Heute spielenden Bände vordergründig als Thriller daherkommen, sind sie weitaus vielschichtiger als konventionelles "Krimifutter". Den dritten Band, in dem es unter anderem um religiösen Wahn geht, hat Jean-François Charles sehr traditionell gestaltet, was aber bestens zum Handlungsjahr 1958 paßt. Politisch wird es in Band 4, der zeigt, daß der Vatikan 1946 Kriegsverbrechern zur Flucht verholfen hat. Der Zeichner, TBC alias Tomaz Lavric, ist eine echte Entdeckung.

Dank comicplus+ kommen nun auch deutschsprachige Leser in den Genuß der herausragenden Reihe, die voraussichtlich 2003 mit einer Geschichte zum Gebot "Verkünde Gott durch das gute Beispiel, nicht durch das Schwert" zum Abschluß kommen wird. Gerade heute würde man sich wünschen, daß wenigstens dieses zehnte Gebot ebenso real und einflußreich wäre wie der Koran.

Reto Baer


+++ Der XX. Himmel +++
Yslaire: DER XX. HIMMEL 1: Erinnerungen an 1998. 64 Seiten, Farbe, HC, DM 36,00.
Aus dem Französischen von Tanja Krämling ("Le XXième ciel: Mémoires 98". Les Humanoïdes Associés 1999). Lettering: Computer. Carlsen Verlag, Mai 2000

Die Bilder, die Yslaire in einem an Bilal erinnernden Stil ganz ohne Tusche zeichnete, strahlen eine eigentümliche Poesie aus und entwickeln einen Sog, dem sich der Betrachter kaum zu entziehen vermag. Entstanden ist das ungewöhnliche Werk aus einem Internet-Projekt heraus. Bei Redaktionsschluß war allerdings nur www.yslaire.be in Betrieb, die neuen Websites www.xxeciel.com und www.xxhimmel.de sind angekündigt.

Dem Album geht zwar der unmittelbare Reiz von Yslaires wunderschöner Homepage ab, wo man selber entscheiden kann, was man anklickt, um Fenster zu neuen Bildern zu öffnen. Aber die im Album vom Autor vorgegebene Reihenfolge und die den Bildern beigefügten Texte erleichtern das Verständnis eher, weil das Ganze erst in Albumform so etwas wie eine Dramaturgie aufweist.

Als Erzählerin fungiert die 1900 in Wien geborene Psychoanalytikerin Eva Stern, die 1998 von einem gewissen @nonymous monatlich eine eMail erhält, die ausschließlich aus Bildern besteht, aus Zeichnungen und retouchierten Fotos. Der Leser folgt der Greisin bei ihren Versuchen, eine Ordnung in diese Nachrichten zu bringen.

Am Anfang steht jedesmal eine Mondlandschaft mit einem Monitor, der immer ein anderes Bild zeigt. Von dort startet die Reise in die monochrome Bilderflut per Mausklick oder im Fall des Comics von Panel zu Panel. Die Reihen, die historische Ereignisse des 20. Jahrhunderts aufgreifen, funktionieren wie Assoziationsketten. So zeigen beispielsweise die drei ersten Bilder der ersten eMail schreckliche Kriegsszenen mit sterbenden oder traumatisierten Menschen.

Die Posen ihrer ausgebreiteten Arme erinnern an die Flügel eines Engels. Wer genauer hinsieht, bemerkt, daß yslaire sogar Flügel andeutet. Das Engel-Thema zieht sich leitmotivisch durchs ganze Album, denn Eva Stern glaubt, daß der Sender der eMails ein Engel ist. Deshalb entwickelt sich eine geheimnisvolle Spannung, bis man am Schluß dieses ersten Bandes der Trilogie einen überraschenden Hinweis erhält, wer wirklich hinter der Bezeichnung @nonymous stecken könnte.

Reto Baer


+++ Zetsuai +++
Minami Ozaki: ZETSUAI. Je 192 Seiten, s/w, DM 12,00.
Aus dem Japanischen von Nina Olligschläger (Zetsuai, Sueisha). Lettering: Andreas Mergenthaler. Carlsen Verlag, ab Oktober 2000

Anfang der 70er veröffentlichte die inzwischen bekannte Zeichnerin Moto Hagio in einem Mädchencomic die erste Kurzgeschichte über eine Liebesbeziehung zwischen zwei Jungen und legte damit den Grundstein für ein neues Genre: Shonen Ai. Minami Ozakis "Zetsuai" erzählt von der Liebe zwischen dem gefeierten Popstar Koji Najo und dem gleichaltrigen Fußballer Takuto Izumi. Sechs Jahre lang ging Koji der funkelnde Blick von Izumi nicht aus dem Kopf. Sechs Jahre hat er Izumi für eine Frau gehalten. Doch als sein Wunsch, Izumi noch einmal zu sehen, endlich in Erfüllung geht, muß er feststellen, daß es nicht leicht ist, einen anderen Mann zu lieben.

Die 1969 geborene Minami Ozaki veröffentlichte 1986 erste eigene Geschichten in ihrem Dojinshi (Fanzine). In diesen Fan-Mangas erzählen junge Künstler von den nicht immer jugendfreien Abenteuern bekannter Comicfiguren. Ihre Existenz verdanken die Dojinshi dem im Vergleich zu Amerika, Deutschland oder Frankreich sehr lockeren Urheberrecht in Japan.

Obwohl "Zetsuai" von der Liebe zwischen zwei Männern erzählt, richtet sich dieser Manga nicht an homosexuelle Leser. Wenige männliche Jugendliche lesen Shonen Ai. Minami Ozakis Manga richtet sich in erster Linie an heterosexuelle Mädchen und junge Frauen. Sexuelle Handlungen zwischen den Protagonisten löst sie geschickt in Symbolen auf, und Hinweise auf die Probleme Homosexueller in der japanischen Gesellschaft sucht der Leser vergeblich.

Wenn die Zeichnungen häufig mit Modeillustrationen verglichen werden, liegt das sicher nicht nur an ihrem zarten, oft skizzenhaften Strich, sondern auch daran, daß Ozaki mehr Wert auf die Kleidung und die Frisuren ihre Protagonisten zu legen scheint als auf anatomische Genauigkeit. Im Verlauf der Geschichte scheinen die Köpfe der Charaktere zu schrumpfen, während ihre Hände und der Torso immer größer werden. Dennoch wirken Ozakis Figuren seltsam zerbrechlich.

Durch die fehlende Maskulinität von Koji und Takuto verlieren die Geschlechterrollen an Bedeutung und weichen einer verklärten Vorstellung von Romantik. Der homosexuelle Mann wird somit zum Traummann pubertierender Mädchen, und ältere Leserinnen können sich am Anblick zweier, engumschlungener, aber geschlechtsloser Männerkörper erfreuen. Fazit: Yama nashi, Ochi nashi, Imi nashi.

Frank Neubauer

Seitenanfang

Copyright © 2001 Verlag Sackmann und Hörndl

Rezensor